Integration: Hilferufe nehmen ständig zu

Die Frauenrechtlerin Serap Çileli fordert Reformierung des Islam, der Gewalt propagiere

Quelle: Märkische Allgemeine

Serap Cileli - POTSDAM / SCHIFFBAUERGASSE – Es war keine leichte Kost, die das Frauenzentrum am Donnerstagabend während seines Kulturfestivals auftischte. Die gelben Herbstblumen in der Vase ließen den kalten Abendregen draußen zwar vergessen. Die grausamen Geschichten, die die türkische Frauenrechtlerin Serap Çileli aus ihrem Sachbuch „Eure Ehre – unser Leid“ vorlas und aus ihrer Arbeit berichtete, konnten sie nicht schönen.

Vergewaltigungen durch den eigenen Vater, Verbrennungen vom verschmähten Zwangs-Ehemann, abgeschnittene Ohren, Nasen und Teile der Zungen, Magersucht, Ehren- und Selbstmorde – das Leid muslimischer Mädchen und Frauen auch in Deutschland kennt keine Grenzen.

Die heute 45-jährige Mutter hat Zwangsheirat, Auflehnung und Flucht hinter sich. Ihre Herkunftsfamilie hat mit ihr gebrochen. Zu groß war der Ehrverlust für den Vater. Heute lebt sie – eingebürgert – mit dem Mann ihrer Wahl und ihren drei Kindern in Deutschland – Adresse und Telefonnummer sind geheim. „So beruhigt wie heute Abend ist es sehr selten bei meinen Lesungen“, sagte sie den Potsdamern. Woanders sei oft die Polizei alarmiert.

Seit Çileli ihr eigenes Schicksal öffentlich gemacht hat, ist sie vom Opfer zur Helferin geworden. Sie engagiert sich für die Rechte muslimischer und besonders türkischer Frauen; hat den Verein „peri – Verein für Menschenrechte und Integration e.V.“ gegründet, der bundesweit arbeitet, organisiert Deutschkurse für Türkinnen.

Mehr als 500 Frauen und Mädchen wurde schon geholfen. Die meisten sind Türken zwischen 16 und 21 Jahren; ein Großteil flüchtet vor der Zwangsheirat. Nur fünf Kriseneinrichtungen für muslimische Mädchen in Not gebe es in Deutschland. Dabei nehmen „die Hilferufe ständig zu“. Auch von Jungen, die sich gegen die Familie erheben oder als Schwule in Angst leben.

Seit vier Jahren betreut „peri“ (übersetzt „die gute Fee“) auch deutsche Familien, deren Kinder zu extrem-islamistischen Vereinen drängen. Çileli fordert die Reformierung des Islam, der wie der Koran „Gewalt als Erziehungsmittel“ propagiere, die Unantastbarkeit der Familienehre höher als das Leben stelle und die Frau zum Besitz des Mannes degradiere. Auch wenn es durchaus liberale Türken gebe, sei die Mehrheit der in Deutschland lebenden „sehr konservativ und patriarchalisch erzogen“, meint die Frauenrechtlerin. Die 3. und 4. Generation sei sogar „sehr religiös und sehr nationalistisch“.

Der deutschen Gesellschaft wirft sie vor, die Mädchen und Frauen in den Parallelgesellschaften im Stich zu lassen. Die islamischen Familien importierten ihre Stammesrechte hierher und die deutsche Politik „knicke besonders vor den Türken“ zu oft ein, kritisierte sie.

Islamische Dachverbände würden zwar staatliche Gelder für Integrationsarbeit einstecken, aber nach innen die Traditionen stärken. Jetzt würden gar sogenannte Friedensrichter „Recht sprechen“. So habe ein Imam über die Teilnahme eines Mädchens an der Klassenfahrt entschieden. Da genügte es nicht, dass das Mädchen im Zimmer der Lehrerin schlafen und nachts das Kopftuch tragen musste. Der „Friedensrichter“ hatte die Familie auch angehalten, den Kopf des Kindes zu scheren, weil beim Toben draußen das Tuch hätte verrutschen und Haar gezeigt werden können. (Von Claudia Krause)


Biografisches

Serap Çileli wurde 1966 in Mersin (Türkei) geboren.

Die Eltern lassen Ende der 60er Jahre ihre sechs Kinder bei den Großeltern zurück und gehen als Gastarbeiter nach Deutschland.

Die Kinder werden 1974 nachgeholt; Serap beendet die Schulzeit in Neustadt an der Weinstraße.

1978 erfolgt die Zwangsverlobung mit einem unbekannten Mann. Serap wehrt sich; nach ihrem Selbstmordversuch mit 13 Jahren lösen die Eltern die Verlobung auf.

1982 zurück in die Türkei gebracht, wird Serap mit einem zehn Jahre älteren Mann verheiratet.

Nach sieben Jahren Zwangsehe flüchtet sie mit ihren Kindern nach Deutschland.

Für ihr Engagement wurde sie mehrfach ausgezeichnet; so 2005 mit dem Bundesverdienstkreuz und 2007 in Potsdam mit dem „Bul le Mèrite“ des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. ck

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