Zukunftskinder 2.0 unterwegs: Parteitag der Bürgerbewegung Pro NRW

Gestern mal die Bildzeitung durchgeblättert und nicht schlecht gestaunt: Auf Seite 6 ein gut gelaunter Typ mit Sprechblasen:

Darunter das Passfoto eines bekannten sakrosanten Menschenrechtlers:

Volker Beck - Grüne Köln

Tief betroffen den Text gelesen und schon bei der Überschrift nach Luft geschnappt:                      

Ein sofortiger Anruf bei der “Antifa” bestätigt, dass umgehend demonstriert werden müsse. Und zwar in Gelsenkirchen vor dem Schloss Horst spätestens um 19.30 Uhr. Plakate mit der Aufschrift “Kein Zutritt für Antidemokraten!” seien in großer Menge am Schloss anzubringen.

Beim Eintreffen vor dem Schloss Horst große Enttäuschung: Ein kleiner Haufen “Antifa”. Ganze zwei Polizeiwagen reichen aus, um sie unter Kontrolle zu halten. Der Glanz vergangener Zeiten mit geballten Fäusten vollkommen verblasst. Eine dünne Kinderstimme erläutert zaghaft übers Megaphon, warum die kleine Gruppe sich von der Polizei enttäuscht zeigen müsse. Man habe doch lediglich “Antidemokraten” einkreisen wollen. Hmm… wie viele “Antidemokraten” kann man mit 10 Laufmeter “Antifa” einkreisen?

Immerhin haben die großformatigen “Kein Zutritt für Antidemokraten!”-Plakate ihre Wirkung nicht verfehlt, denn als Demokrat kann man ungehindert die Räumlichkeiten betreten.

Drinnen füllt sich langsam der Saal. Es dauert eine geschlagene Dreiviertelstunde, bis endlich eine Glatze auftaucht. Allerdings ohne Springerstiefel. Keine einzige Bomberjacke. Falsche Veranstaltung?!?  Alles so ruhig, freundlich, nett. In allen Gesichtern ein Ausdruck von Strahlen gepaart mit Ernsthaftigkeit. Ganz normale gepflegte Bürger, ein Drittel Frauen, wenige Krawattenträger, keine Dame im Hosenanzug, dafür welche in Umstandsmoden und sogar eine mit Baby. Und zwei mit rot gefärbten Haaren. Der einzige männliche Hippi im Raum trägt zum langen Zopf einen fabelhaften Maßanzug.

Einige schütteln mir freundlich die Hand, fragen aber nicht, wo man herkommt und wer man ist. Als sei es einfach ganz normal, dass man da ist. Okay, warum also nicht mal kurz mit Markus Beisicht plaudern? Auf die Frage, ob man als Nichtmitglied zugucken kann, antwortet er grinsend: “Das ist Ihr Risiko – denn wenn Sie hier zugucken, wollen Sie am Ende Mitglied werden!” Dann nimmt er sich Zeit und erklärt den Sinn der Veranstaltung:  Wahlthemen, Wahl der Mitglieder, die auf die Landesliste kommen, Verteilen einiger wichtiger Aufgaben für die Zulassung zur Wahl, wichtige Aktionstage in ganz NRW festlegen. Auf die Frage, ob man darüber auch etwas im Internet schreiben darf, sagt er “Sehr gerne. Immer mehr Bürger informieren sich im Internet, weil die Presse uns totschweigt.”

Die ganze Presse???? Da war doch gerade erst dieser Typ in der Bildzeitung… Und dann sehe ich ihn. Im Anzug sieht er ganz anders aus. Das strahlende Lächeln ist aber das selbe wie auf dem Bild. Der Typ fällt auf, hat Charisma. Die Bildzeitung klemmt unter seinem Arm. Er erzählt gerade etwas von dem Prozess und wie ungemein wichtig es sei, dass man möglichst hohe Strafen für freie Meinungsäußerungen kassiert, damit man die Möglichkeit hat, bis vor das Bundesverfassungsgericht zu kommen. Leider seien die Strafen für freie Meinungsäußerung noch viel zu lasch. Fast so lasch wie die Urteile für Gewalttäter, die sich mit den Gepflogenheiten im Land noch nicht so auskennen würden.

Ich ertappe mich beim Grinsen und muss an die “Antifa” draußen denken, die sich nur als Gruppe irgendwas traut und dieser Typ hier würde für das Recht auf freie Meinungsäußerung durch alle Instanzen gehen. Eine Demonstration auf dem Rechtsweg statt ein antifantisches Ringelreihen um den politischen Gegner. Und schon wieder ertappe ich mich: Diesmal bei der Vorstellung, dieser Ex-CDU-Mann könnte tatsächlich Bürgermeister werden. Die anderen, die ich im Raum gesehen habe, sind auch locker und selbstbewußt, aber dieser hier ist ein besonderes Kaliber.

Die Veranstaltung beginnt vollkommen unaufgeregt. Alle Plätze sind belegt, obwohl die Einladung wohl sehr kurzfristig kam. Ein junger Mann, der die Sache organisiert hat, eröffnet sie und es dauert nicht lange, da wird das Mikrophon an Markus Beisicht übergeben. Er hat sofort seinen Urlaub abgesagt und die wichtigsten Dinge in die Wege geleitet, denn allen ist klar, dass die Zeit äußerst knapp ist. Er zählt auf, was der Vorstand im Eilverfahren ausgearbeitet hat und worüber die Mitglieder entscheiden sollen. Es gibt eine Kandidatenliste und Wahlzettel und es wird über die einzelnen Vorschläge abgestimmt. Nur einmal melden sich Gegenkandidaten. Beisicht erhält 98% Zustimmung für Listenplatz 1. Nach ihm kommt ein Polizist aus Aachen, der 96% der Stimmen erhält. Beisicht witzelt: “Das ist ja fast wie bei Erich Honecker.”

Für die Kandidaten müssten noch Wählbarkeitsbescheinigungen eingeholt werden und es müssten 1000 Unterschriften von Bürgern aus NRW gesammelt werden, die ebenfalls alle verifiziert werden müssten. Das alles bis zum 10. April. Als Zuschauer nimmt man wahr, dass große Zuversicht und Routine da ist, das alles zu schaffen und doch bekommt man ein Gefühl dafür, wie viel Stress eine so kurzfristig angesetzte Wahl für eine junge Partei bedeuten kann. Die im Landtag eingesessenen Parteien haben ganz klar einen Vorteil. Besonders die, die schon am Tag der Landtagsauflösung ein fertiges Wahlplakat vor den Landtag rollten. Und besonders die, die schon angefangen haben “zu plakatieren”: “Volle Kante für Kraft” oder so ähnlich kann man da im Vorbeifahren lesen. Von der Rothaarigen neben mir erfahre ich, dass man eine “Plakatiergenehmigung” braucht und dass sich alle wundern, dass die SPD schon “plakatiert”.

Beisicht stellt drei fertige Wahlplakate vor. Pro NRW macht keinen Personenwahlkampf, sondern bringt Aufmüpfiges:

  • ”Freiheit statt Islam!”
  • “NRW wählt die D-Mark”
  • “Politiker quälen, PRO NRW wählen!”

Das Wort “Protestwahl” fällt am gesamten Abend nicht und doch wird mit diesen drei knappen Aussagen das gesamte Landtagsestablishment frontal angegriffen. Ich frage die Frau, die neben mir sitzt, was sie für realistisch hält: Kommt Pro NRW in den Landtag? Sie antwortet nicht sofort. Sie überlegt laut: “2007 gegründet, schon Erfahrung mit Wahlkampf, gute Teamarbeit, aber sehr wenig Zeit und viel weniger Geld als die anderen, die Presse ignoriert uns” und dann teilt sie das Ergebnis ihrer Berechnung mit: “5 + X”

Irgendwie bin ich erleichtert, dass diese Leute an ihren Erfolg glauben. Im Radio hört man dauernd, dass zwei Parteien aus dem Landtag fliegen und stattdessen die Piraten einziehen. Piraten sind mir persönlich zu dürftig. Es darf ruhig etwas mehr sein. Und wie dieses Mehr aussehen könnte, wird klar, als Markus Beisicht loslegt:

Er sagt, dass es um 18 Millionen Einwohner geht und dass es Länder in Europa gibt, die noch nicht einmal zusammengenommen so viele Einwohner haben. Diese 18 Millionen Einwohner hätten ein Recht darauf, zu erfahren, dass es eine Alternative gibt. Eine Alternative zu den Altparteien, die sich immer mehr angenähert hätten und mit ihrer politischen Korrektheit, ihrer linken Politik und ihrer Bürgerferne eine Steilvorlage bieten würden. Ein demokratisches Korrektiv müsse endlich in den Landtag einziehen: ” Wir sind kampagnenfähig und wir werden die Schweigespirale brechen! Wir sind die Strafe, die die Altparteien wirklich verdient haben!

Mit einer “Freiheitstour” vor den größten Moscheen in NRW würde man klarmachen, dass man “Nein” zu Islamisierung und islamischen Parallelgesellschaften sagt. Er verspricht: “Es wird kein Tag vergehen, wo nicht über uns diskutiert wird. Wir werden die Schweigespirale durchbrechen!”

Äußerst zuversichtlich verkündet Beisicht: “Wir fangen nicht bei Null an – wir haben bereits ein Wählerpotential.” Er zählt auf, was die Bürger in Nordrhein-Westfalen nicht wollen: Islamunterricht, Multikulti, Islamisten, Geldverschwendung, Kuscheln mit Kriminellen. Er zählt auf, was sie stattdessen wollen: Deutsches Geld für deutsche Aufgaben, Schluss mit rechtsfreien Räumen, Rückfahrkarte für Kriminelle, keinerlei Scharia. Und wörtlich: “Diese Positionen sind mehrheitsfähig. Aber für Dinge, die ein Franz Josef Strauß früher aussprechen konnte, steht man heute im Verfassungsschutzbericht! Wir sind aber nur in einer Hinsicht radikal: In der Ablehnung von Extremismus von rechts und links. Es muss möglich sein, islamkritische Kundgebungen durchzuführen, sonst haben wir keine Demokratie und Meinungsfreiheit mehr. Die Polizei in Duisburg hat mich gefragt, ob das ein Scherz sein soll, dass wir vor der Merkez-Moschee sprechen wollen. Nein, wir machen keine Scherze, wir meinen es ernst. Wer kämpft, kann verlieren, aber wer nicht kämpft, hat schon verloren!” Standing Ovations.

Bin ich schon zwei Stunden hier oder drei? Die Leute verteilen sich im Saal und ich gehe erst mal nach draußen, gucken was die Antifanten machen. Sie sind weg und ein Polizist fragt mich, ob wir fertig wären. Wir? Gehöre ich schon dazu? Die Frau, die neben mir saß, reicht mir ein Blatt mit Terminen und fragt, ob ich Samstag mit nach Remscheid oder Solingen komme. Sie ist ca. im 8. Monat schwanger, lächelt und sagt, dass sich 10.000 Gegendemonstranten angesagt hätten. Fassungslos starre ich sie an, nehme das Blatt und lese flüchtig dort auch den Namen meiner Heimatstadt. Es muss doch irgendeinen Grund geben, nicht dort hinzugehen. Und dann bricht es aus mir heraus: “Gibt es hier Nazis?”

Ich schiele verheißungsvoll rüber zu dem einzigen Glatzkopf. Sie folgt meinem Blick und sagt: “Wir sind eine sehr überschaubare Gruppe, in der man sich gut kennt. Und wenn jemand Gegenkandidaten erhält, dann weiß er, was das heißt. Unser Programm steht und wer nicht dazu stehen kann und sich nicht danach verhält, den schließen wir aus, sofern er sein Verhalten nicht ändert. Wir leben davon, dass die Bevölkerung vor Ort jemanden hat, dem sie vertrauen kann.” Ich frage: “Also kein einziger Nazi?” Sie: “Doch – ein ehemaliger.”

Ich bedanke mich für ihre Ehrlichkeit und ich – die personifizierte Antifa – gehe zu dem Mann hin und sage: “Ich habe gehört, dass Sie ein Nazi sind.” Er grinst und erklärt: “Ich war 4 Jahre in der NPD. Eine wertvolle Erfahrung, weil ich heute mit absoluter Sicherheit sagen kann, dass sie nicht an den Problemen von heute interessiert sind, sondern nur in die Vergangenheit schauen. Eine Vergangenheit, die ich nicht haben will und deswegen bin ich da raus.”

Mir ist völlig unverständlich, wieso er nicht sauer reagiert auf meine Frage. Ich krame in meinem Kopf, wie ich ihn einem Demokratietest unterziehen könnte: “4 Jahre – ist man da nicht dauerhaft indoktriniert?”

Wieder erst mal ein Grinsen und dann: “Genau das ist ja das Problem: Die Parteien beladen ihre Mitglieder mit Ideologien, mit Doktrinen und alles andere wird in dieses Schema hineingepresst. Das klare Denken, der gesunde Menschenverstand werden einfach so lange weggedrückt, bis die Bodenhaftung weg ist. Wenn man wissen will, ob jemand indoktriniert ist, braucht man nur das, was die Politiker sagen, mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Wird die Wirklichkeit systematisch zugunsten der Ideologie weggemogelt, hat man es mit Leuten zu tun, die den Bezug zur Demokratie verloren haben. Ich hatte eine sehr idealistische Weltsicht und war anfällig dafür. Aber man kann sich resozialisieren. Dazu muss man erst mal aufhören, alles als Bedrohung zu emfinden, was die eigenen Ideale stört. Mit Sachlichkeit an die Dinge herangehen, auf den Rechtsstaat setzen und mit Fachleuten diskutieren, welche roten Linien wir als Volk verteidigen müssen, um die Demokratie zu erhalten. Das Grundgesetz ist der Maßstab und nichts anderes.”

Okay, ich denke, der Mann ist geläutert. Aus meiner Ausrede, der Demo fernzubleiben, wird heute nichts mehr.

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Links:

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6 Kommentare

  1. Am letzten Samstag sollte ein sehr wichtiges Treffen zwischen Pro NRW und den Republikanern stattfinden, auf dem man in Sachen Fusion endlich mal Butter bei die Fische geben wollte. Mit diesem Termin wurden all diejenigen, die sich die Vereinigung des Lagers wünschen, lange vertröstet. Jedoch ist nirgendwo auch nur ein Wort dazu zu erfahren. Es sieht so aus, als wäre das Treffen ausgefallen, oder man konnte die Eitelkeiten wieder mal nicht der Sache unterordnen.
    Schon im Vorfeld ging Pro NRW davon aus, daß es nicht zu einer Einigung kommen würde. Daher beschloß der Vorstand letzte Woche vorsichtshalber ein Konzept zur deutschlandweiten Ausdehnung von Pro NRW. Man wollte es diese Woche vorstellen. Wegen der kurzfristig dazwischengekommenen Wahlvorbereitungen wird man das Vorhaben sicherlich schon auf Eis gelegt haben. Stattdessen gibt`s jetzt erstmal wieder Wahlkampf mit dem Namen einer Splitterpartei.

    • Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, wollen die Republikaner nicht mit Pro NRW fusionieren, weil sie zur Europawahl antreten wollen. Wenn es bei der Europawahl eine 5%-Hürde geben würde, würde die Sache evt. anders aussehen.

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