Religionsgeschichte & Kritik der islamischen Quellen

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INHALT:

Überblick Religionsgeschichte

Ägypter

Perser

Juden

Griechen

Römer

Christen

Araber

Der religiöse Baukasten rund um das Mittelmeer

Islam

Historisch-kritische Analyse des Islam:

Zeitungsberichte über die historisch-kritische Analyse des Islam

2008 Interview mit Prof. Sven Kalisch über die fehlende Freiheit der Lehre in der Islamforschung und das Mobbing von Islamverbänden

2008 Interviews mit Prof. Tilman Nagel über die Figur des Mohammed nach Auswertung der islamischen Quellen

2008 Interviews mit Prof. Karl-Heinz Ohlig über die Entstehung des Islam aus dem syrischen Christentum

2010 Interview mit Prof. Josef van Ess über fehlende Belege im 1. Jahrhundert nach Mohammed

2010 Barbara Köster über die mangelnde Historizität der islamischen Überlieferung

2012 Robert Spencer über die Ungereimtheiten der islamischen Geschichtsschreibung

2012 Britischer Film “Islam- The Untold Story”

Zukunft des Islam?

2010 Der Sohn eines ägyptischen Imam, Hamad Abdel-Samad sagt “Der Islam wird als Kultur untergehen”

Politische Forderungen

Koranverbot

 

Überblick Religionsgeschichte

In der Antike war der Polytheismus (Vielgötterei) verbreitet, der aus Naturreligionen entstand. Bekannte Beispiele: ägyptischer Sonnengott Re, griechischer Meeresgott Poseidon, römischer Meeresgott Neptun. Den vielen verschiedenen Göttern wurde in Kultstätten oder Tempeln geopfert – je nachdem wie fortgeschritten eine Kultur war. Mit Brandopfern, Tieropfern oder  wertvollen Geschenken sollten die Götter gnädig gestimmt werden. So ähnlich funktionierte auch der weit verbreitete Glaube an böse Geister, denn auch diese mussten besänftigt werden. Damit nichts vergessen wurde und alles korrekt ablief, gab es sogar bei den einfachen Kulturen Leute, die sich speziell mit dem Opferkult befassten. Auch diese wollten beschenkt werden.

Weit verbreitet war der Glaube an eine Totenwelt oder Unterwelt. Die Ägypter hatten einen ausgefeilten Totenkult entwickelt und eine genaue Vorstellung vom Totenreich, das ihrer Meinung nach westlich vom Nil in der Wüste lag. Auch die Babylonier glaubten an ein Totenreich und dass man den Toten Gaben mitgeben müsse, vor allem sie mit Wasser versorgen müsse.

Die Griechen kreiierten den wohl größten Pantheon der Menschheitsgeschichte. Die Römer übernahmen davon einiges. Die Jenseitsvorstellungen der Ägypter, Griechen und Römer ähneln sich. In allen Fällen findet im Totenreich bzw. in der Unterwelt ein Gericht statt. Im ägyptischen Totenreich wurde man von einer Göttin mit Krokodilskopf aufgefressen, wenn man dem Gericht nicht standhielt. Die Griechen und Römer hatten die Vorstellung, dass unterhalb des Totenreiches (Hades / Orcus) ein schrecklicher Verbannungsort liegt, der Tartaros. Rechtgläubige und Helden kamen hingegen auf die sagenumwobene Insel Elysion.

Auch die arabischen Stämme hatten sich einen “Pantheon” aus der Natur zusammengestellt. Sie verehrten besondere Steine als Sitz ihrer Götter. Aber auch Bäume und Quellen. Was den Glauben der Araber jedoch von dem der Ägypter, Griechen und Römer unterschied, war das komplette Fehlen eines Jenseits. Es gab keine Antwort auf das Woher und Wohin. Erst mit dem Islam bekamen die Araber einen auf ein Jenseits ausgerichteten Glauben. Dieser Jenseitsglaube entwickelte sich zu einem ausgesprochenen Kampfes- und Märtyrerglauben: Insbesondere das Aufopfern des eigenen Lebens im “heiligen Krieg” sollte in das versprochene Paradies führen. Bis dahin gehörten Menschenopfer der Vergangenheit an und waren durch Tieropfer abgelöst worden. Bis zum Beginn des Islam hatten die Juden auch das Tieropfer abgeschafft. Der Islam führte nicht nur Tier- und Menschenopfer wieder ein, sondern arbeitet auch bei bestimmten Vergehen mit dem Gottesgericht.

Menschenopfer mit Tieropfern zu ersetzen, war das große Verdienst der Juden, denn dies lernten sie aus der Überlieferung über ihren Stammvater Abraham, der seinem Gott Jahwe seinen Sohn Isaak opfern wollte, um seinen Glauben zu beweisen. Stattdessen verlangte Gott die Opferung eines Widders. Mit den 10 Geboten erhielten die Juden vor rund 1250 Jahren ein Gesetz, das unter anderem das Töten verbietet (außer in Notwehr, um das Leben Unschuldiger zu retten). Das weitere wichtige Merkmal ist das Verbot, andere Götter außer Jahwe anzubeten, den die Juden und Christen als Schöpfer der Welt betrachten.

Mit ihrem Monotheismus, den die Juden besonders in der Babylonischen Gefangenschaft ausfeilten, unterschieden sie sich deutlich von den übrigen Religionen. Außer bei den Juden gab es vor Christus nur bei den Persern einen monotheistischen Glauben: Zarathustra lehrte im antiken Persien, das Gute zu tun. Im Parsentum / Zoroastrismus glaubt man an einen Gott, der das Gute und das Böse erschaffen hat (Dualismus). Der Unterschied zum jüdischen Glauben liegt darin, dass die Juden glauben, dass der Gott Jahwe die Welt gut erschaffen hat und das Böse durch abtrünnige Geschöpfe in die Welt kam. Das personifizierte Böse versucht die Menschen zu verführen, weswegen sich der Mensch an die Gebote Gottes halten soll.

Christen sehen in dem Juden Jesus von Nazareth den verheißenen Messias und glauben, dass er seinen Sohn zur Erde schickte, um die Menschheit wieder mit ihm zu versöhnen. Sie begründen ihren Glauben mit der Wundertätigkeit ihres Religionsstifters und der biblischen Verheißung eines Messias aus dem Hause David. Sowohl Marias als auch Josephs Stammbaum lassen sich anhand der jüdischen Überlieferung bis auf König David zurückverfolgen.

Die polytheistischen Götterwelten sind vom Monotheismus verdrängt worden. Ägyptische, griechische und römische Götter gehören den Legenden der Vergangenheit an. Lediglich in Indien hat sich der polytheistische Hinduismus gegenüber dem missionierenden Christentum und dem kriegerisch einfallenden Islam halten können. Auch der persische Glaube des Zoroastrismus hat in Indien überleben können, während er in Persien vom Islam verdrängt wurde. In Indien wurde sogar ein ganzer verloren geglaubter jüdischer Stamm wiedergefunden. In keinem anderen Land der Welt leben schon so lange die verschiedensten Religion nebeneinander, was leider immer wieder zu Konflikten führt.

Konflikte begleiten den gesamten Weg der Religionen. Die wohl mit Abstand kriegerischste Religion ist der Islam, da in seiner heiligen Schrift Koran zum Töten und zum heiligen Krieg gegen Ungläubige aufgerufen wird, um mit Sicherheit in das Paradies von Allah zu gelangen. 57 Staaten der Erde wurden bereits islamisiert und ein Ende der fortschreitenden Islamisierung ist derzeit nicht abzusehen. Prognosen sprechen davon, dass bis 2050 die Hälfte der Weltbevölkerung dem Islam angehören wird. In den islamisierten Staaten befinden sich die Menschen teilweise unter erbärmlichen Zuständen (Pakistan, Afghanistan, Jemen, Somalia…), aber es gibt auch Staaten mit unermesslichem Reichtum (Erdöl-Staaten auf der arabischen Halbinsel).

Eine große Rolle bei der Ausbreitung von Religionen spielt die Frage, wie man zum Mitglied der jeweiligen Religion wird. Hieraus wird deutlich, welche Mechanismen dazu führen, dass eine Religion expandiert:

  • Judentum: Geburtsreligion, vererbbar nur über die Mutter, keine Missionierung, Austritt möglich, kein Expansionsstreben, sondern Prinzip des Auserwähltseins, daher sehr schwierig, dem jüdischen Glauben beizutreten, bis auf das orthodoxe Judentum säkularisiert, einziger jüdischer Staat Israel ist säkular angelegt
  • Christentum: Bekenntnisreligion mit Eintrittsritual, Expansionsbestrebung durch Missionierung (biblischer Missionsbefehl), Austritt möglich, in einigen Ländern Staatsreligion, aber vollständig säkularisiert
  • Islam: Geburtsreligion ohne Austrittsmöglichkeit (Zwangsreligion) mit Expansionsbestrebung (Befehl zum heiligen Krieg gegen Ungläubige, die bekehrt, unterworfen oder getötet werden sollen) sowie durch Missionierung (zweimaliges Sprechen des Glaubensbekenntnissses vor Zeugen), alle bisherigen Säkularisierungsversuche muss man als gescheitert betrachten
  • Hinduismus: Geburtsreligion ohne Eintritts- und Austrittsmöglichkeit (Zwangsreligion), kein Expansionsstreben, nicht säkularisiert aufgrund des nach wie vor bestehenden Kastensystems

Der Islam hat sich also alle zur Verfügung stehenden Mittel angeeignet, um größtmögliche Expansion zu erzielen: Geburtsreligion + Mission + Austrittverbot + kriegerische Expansion + Unterwerfungsideologie + enormer Widerstand gegen Säkularisierung. Wenn es eine Religion gibt, die gefährlich ist, dann ist es der Islam.

Dadurch ist der Islam aber auch gleichzeitig zum Scheitern verurteilt, denn die gesamte bisherige Geschichte der Menschheit hat gezeigt, dass Menschen sich gegen freiheitsberaubende Systeme auflehnen. Das Ende des Islam ist nur eine Frage der Zeit und diese Zeit ist spätestens dann gekommen, wenn sich die Perser vom Islam befreit haben. Sie werden das Volk sein, was den Islam abwickeln und auf den Müllhaufen der Geschichte werfen wird. Alle anderen islamisierten Völker haben noch nicht genug und schreien nach noch mehr Islam. Bis es so weit ist und die Perser wieder ein freies Volk sind, sollten wir aus der Geschichte lernen.

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Ägypter

Die Ägypter waren Polytheisten und verehrten zahlreiche Götter → Liste der ägyptischen Götter

Als Hauptgötter bzw. Schöpfer wurden die Sonnengötter Re und Amun angesehen, die im Laufe der 3000-jährigen Geschichte zu einem Gott Amun-Re verschmolzen. Re lebte mit den Menschen im Paradies und als sie sich gegen ihn erhoben, schuf er das Totenreich und machte die Menschen sterblich. Amun hat sich selbst erschaffen und ist der göttliche Vater aller Pharaonen.

Pharaonenkult: Die Pharaonen wurden als Halbgötter betrachtet, deren Vater Amun war. Sie waren wichtige Vermittler zwischen den Menschen und Göttern. → Liste der Pharaonen

Tempelkult: Jeder Gott hatte seinen eigenen Tempel, in dem er als Statue verehrt wurde. Es gab ein ausgedehntes Priestertum.

Die Ägypter glaubten an ein Gericht nach dem Tod und an ein Leben nach dem Tod. Richter im Totenreich war Anubis. Erwecker der Toten war Osiris. → Ägyptisches Totenbuch

Amenophis der IV. leitete eine kurze Phase des Monotheismus ein und erhob den Gott Aton zum einzigen Gott (ohne allerdings die anderen Götter zu verbieten). Er änderte seinen Namen von Amenophis (Amun ist zufrieden) in Echnaton (Aton gefällt es). Echnaton und seine Gattin Nofretete waren die Hauptpriester und jeder Bürger durfte Aton selbst verehren. Dies war bis dahin den Tempelpriestern vorbehalten, die das serh argwöhnisch betrachteten. Echnaton hinterließ einen sehr jungen Erben. Tutanchaton bestieg mit 9 Jahren den Thron. Die Tempelpriester bewegten ihn dazu, sich wieder der gewohnten Götterwelt zuzuwenden und Tutanchaton änderte seinen Namen in Tutanchamun und damit war alles wieder beim Alten. → VIDEO “Echnaton – Rebell auf dem Pharaonenthron” (Phönix)

3000 Jahre ägyptische Hochkultur wurden durch einen Bürgerkrieg und durch die Römer beendet. Die letzte ägyptische Herrscherin war Cleopatra. Danach wurde Ägypten römische Provinz. → VIDEO “Ägypten – Schatzkammer des römischen Reiches”

Ägyptisches Totenbuch

Ägytisches Totenbuch. Der Ausschnitt aus dem 5 Meter langen Papyrus zeigt, was nach dem Tod passiert. Der Gott Anubis (ein Sohn von Osiris) führt den Toten herein und wiegt sein Herz gegen die Feder der Wahrheit auf. Die Göttin Ammut mit dem Krokodilskopf verschlingt diejenigen, die den Test nicht bestehen. Thot schaut beim Wiegen zu und schreibt alles auf. Im weiteren Verlauf, der sich rechts anschließt, sieht man Horus (ein Sohn von Osiris), wie er den Toten zum Totengott Osiris führt. Osiris sitzt auf dem Thron des Totenreiches und entscheidet, ob der Mensch in sein Reich gelassen wird. Oben sieht man noch andere Götter, die eine Art Jury bilden.

VIDEO: Im Totenreich der Pharaonen (Phönix):


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Perser

Das erste Perserreich, das Reich der Archämeniden herrschte 200 Jahre lang und war das größte Weltreich, bevor im Jahre 330 vor Christus die Hauptstadt Persepolis vom Makedonier Alexander dem Großen erobert und zerstört wurde. Bis zu Ausgrabungen bei Persepolis hielt man die Darstellung der griechischen Antike für wahr und dachte, die Perser seien gnadenlose Herrscher gewesen. Durch die Grabungen des deutschen, jüdischen Archäologen Ernst Herzfeld wurden jedoch Zigtausende Tontafeln in Persepolis gefunden, deren Auswertung bis heute andauert und von einem Orientinstitut in Chicago geleistet wird. → VIDEO über die Ausgrabungen “Terra X: Persien – Die Erbschaft des Feuers”.

Demnach kann man heute den Schluss ziehen, dass sich das Perserreich weniger durch Brutalität als durch gute Organisation auszeichnete. Zum Perserreich gehörten 20 andere Völker und sie alle durften ihre Kultur und Religion behalten. Bedeutsam für die Religionsgeschichte ist, dass die Perser die Juden aus der Babylonischen Gefangenschaft befreiten und die Juden nach Israel zurückkehren konnten.

Zarathustra

Nicht nur die Juden, sondern auch die Perser entwickelten eine monotheistische Religion. Sie entstand aus den Lehren des Zarathustra, der irgendwann zwischen 1800 und 600 vor Christus gelebt hat. Dieser Glaube wurde durch den Islam verdrängt. Heute gibt es nur noch wenige Zoroastrier in Iran.

Die Zoroastrier oder Parsen glauben, dass es einen Dualismus von Gut und Böse gibt und es die Aufgabe des Menschen ist, sich durch Gedanken, Worte und Taten immer für das Gute zu entscheiden. Die größte Gemeinde der Parsen lebt heute in Bombay. Ihre Toten werden in den berühmten Towers of Silence bestattet.

Glaube des Zarathustra

Glaube des persischen Weisheitslehrers Zarathustra

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Juden

Mose und die Steintafeln mit den 10 Geboten

Mose und die Steintafeln mit den 10 Geboten

Die Geschichte der Juden beginnt zur Zeit der ägyptischen Pharaonen. Die Ägypter waren zu der Zeit hoch entwickelt und schrieben auf Papyrusrollen, eine Technik, die bei der schriftlichen Überlieferung des jüdischen Glaubens eine wichtige Rolle spielte. Papyri sind heute wichtige Gegenstände der Bibelforschung, um die zeitliche Datierung von hebräischen Schriften vornehmen zu können, die über einen Zeitraum von etwa 1000 Jahren entstanden sind. Der jüdischen Überlieferung zufolge (Tenach, 5 Bücher Mose) schloss der Gott Jahwe einen Bund mit Mose. Mose führte die Hebräer in einem 40 Jahre dauernden Marsch aus Ägypten in das von Jahwe versprochene Land Kanaan. Am Berg Sinai / Horeb soll Mose die Steintafeln erhalten haben, die nicht nur für die Juden, sondern auch für die Christen zum grundlegenden Gesetz wurden. Dies soll ungefähr 1250 vor Christus geschehen sein.

Ihren Glauben vereinheitlicht haben die Juden aber erst wirklich im Babylonischen Exil. Der baylonische König Nebukadnezzar hatte Jojakin, den König von Juda und die gesamte Ober- und Mittelschicht der Hebräer nach Babylon verschleppt. Befreit wurden die Juden vom Perserkönig Kryos. Er erlaubte ihnen nicht nur, in ihr gelobtes Land zurückzukehren, sondern auch den von Nebukadnezzar zerstörten Tempel des Salomo in Jerusalem wieder aufzubauen.

Hier heilige jüdische Schrift, der Technach / Tanach wurde über eine Zeitspanne von 1000 Jahren geschrieben und ca. 100 Jahre vor Christus kanonisiert (es wurde festgelegt, welche Bücher zum Tenach gehören).

Hier ein Überblick über die Geschichte des jüdischen Volkes bis zur Gründung des Staates Israel. Bemerkenswert ist, dass das kleine Volk der Hebräer mit allen Weltreichen der Antike in Berührung kam: Mit den Ägyptern, den Persern, den Griechen und den Römern. Außerdem wurde das Volk der Juden in der ganzen Welt verstreut. Es gibt wohl kaum ein Volk, das im Laufe seiner Geschichte mit so vielen anderen Kulturen in Berührung kam. Und es gibt wohl kaum ein Volk auf der Welt, das gegen so viele Hindernisse kämpfen musste (und muss!), um ein eigenes kleines Territorium – in der als “heiligem Land” bezeichneten Region – zu bekommen, um dort einen Staat zu gründen.

Route des Exodus von Ägypten nach Israel

Zeitleiste Epoche Judentum von der Pharaonenzeit bis zur Gründung des Staates Israel
1250 v.Chr. Pharaonen Ein israelitischer Stamm zog von Ägypten nach Palästina. Der Überlieferung nach sehen Mose und die 70 Ältesten auf dem Berg Sinai den Gott Jahwe. Mose erhält die Steintafeln mit den 10 Geboten.
Richter Zeit der Stammesältesten (Richter) in Palästina
1020 v.Chr. Saul König Saul vereint die israelischen Stämme im Kampf gegen die Philister (ein Seefahrervolk).
1011 v.Chr. David David wird König der Südstämme
997 v.Chr. König Saul stirbt, David wird König der Nord- und Südstämme. Hauptstadt des Königreiches ist zunächst Hebron.
König David erobert Jerusalem und macht die Stadt zur Hauptstadt. Er bringt die Bundeslande nach Jerusalem.
König David besiegt die Philister und die Nachbarvölker Edom, Moab, Ammon, Aram
Salomo Nachfolger von König David ist sein Sohn Salomo. Er lässt in Jerusalem für Gott Jahwe einen großen Tempel bauen.
955 v.Chr. 1. Tempel bis 587 v.Chr.: Zeit des ersten Tempels von Jerusalem
930 v. Chr. Zerfall in Nordreich Israel und Südreich Juda
722 v. Chr. Nordreich Israel wird von Assyrern überfallen und die 10 Stämme werden verschleppt.
597 v.Chr. Babylonisches Exil Der babylonische König Nebukadnezzar erobert Juda und deportiert Jojakin, den König von Juda und die gesamte Ober- und Mittelschicht nach Babylonien. Bis 538 v.Chr. Babylonisches Exil. Dort Herausbildung eines einheitlichen jüdischen Glaubens.
587 v.Chr. Tempelzerstörung Zerstörung des 1. Tempels durch Nebukadnezzar
538 v.Chr. Perser Perserkönig Kryos erobert Babylonien inklusive Israel und Juda. Er erlaubt die Rückkehr der Juden in ihre Heimat, die nun eine persicher Provinz ist. Kryos gestattet den Wiederaufbau des Tempels.
516. v.Chr. 2. Tempel Weihe des 2. Tempels in Jerusalem
332 v.Chr. Griechen / Alexander der Große Alexander der Große erobert Israel und Juda. Jerusalem bleibt autonome Provinz. Gründung von Alexandria in Ägypten, wohin auch viele Juden umsiedeln und ein Viertel der Einwohner stellen.
168 v.Chr. Antiochos IV entweiht den Tempel in Jerusalem
164 v.Chr. Makkabäer Aufstand der Makkabäer gegen die Griechen, Rückeroberung des Tempels, Gründung eines neuen Königreiches. Der Glauben wird in drei Gelehrtengruppen weitergegeben: Pharisäer, Sadduzäer, Essener.
76 v.Chr. Ein Thronstreit bei den Makkabäern führt zum Bürgerkrieg zwischen Pharisäern und Sadduzäern.
63 v.Chr. Römer Der römische Feldherr Pompejus erobert das Makkabäerreich.
37 – 4n.Chr. Herodes Der römische Vasallenkönig Herodes erweitert den Tempel in Jerusalem.
6 n.Chr. Einrichtung der römischen Provinz Judäa.
26-36 Pilatus, Herodes Antipas Statthalter der Provinz Judäa ist Pilatus. Nachfolger des Vasallenkönigs Herodes ist Herodes Antipas. In diese Zeit fällt die Hinrichtung von Johannes des Täufers durch Herodes Antipas und die Kreuzigung des Jesus von Nazareth durch Pilatus im Jahre 33.
37-41 Der römische Kaiser Caligula will als Gott verehrt werden. Seine Statuen sollen in jüdischen Tempeln von Jerusalem und Alexdandria und in Synagogen aufgestellt werden. Die Juden von Alexandria wehren sich und werden verfolgt und in ein Ghetto gesperrt.
66 Jüdische Aufstände gegen die Römer, in deren Verlauf die Römer siegen und die jüdische Bevölkerung aus Judäa vertrieben wird.
70 Tempelzerstörung Der 2. Tempel wird von den Römern zerstört. Das jüdische Volk wird von den Römern vertrieben und muss in die Diaspora fliehen. Es wandern Juden nach Europa aus. In der Nähe von Tel Aviv hält sich eine kleine Gruppe Schriftgelehrter, aus der das jüdische Rabbinertum hervorgeht.
132 – 135 Simon bar Kochba führt einen Aufstand an, der von den Römern niedergeschlagen wird. Jerusalem wird von Juden gesäubert. Die römische Provinz Judaea wird umgenannt in Syria Palaestina. Neue Vertreibungswelle, in deren Verlauf nur noch wenige Tausend Juden in Palästina leben. 1,5 Millionen Juden leben zu der Zeit in der Diaspora. Diese Zahlen bleiben bis zum Beginn der Neuzeit relativ konstant.
380 Das Christentum wird von Rom gefördert, das Judentum verfolgt. Das Christentum wird unter Konstantin zur römischen Staatsreligion.
589 In Spanien wird von Seiten der Christen ein Heiratsverbot erlassen, so dass Juden keine Christinnen heiraten dürfen.
600 n.Chr. Ende Antike, Beginn Mittelalter Zum Ende der Antike fanden sich jüdische Gemeinden weit über den römisch-hellenistischen Raum hinaus verstreut bis nach China, Indien und Afrika.
718 Reconquista Beginn des organisierten christlichen Widerstands gegen die Eoberung Spaniens durch Araber und Berber. Die Reconquista zieht sich bis 1492 und richtet sich nicht nur gegen die arabische Besatzung, sondern auch gegen die Juden (siehe nachfolgende spanische Inquisition).
849 Im Irak werden alle Nichtmuslime durch ein islamisches Kalifat dazu gezwungen, eine Kennzeichnung zu tragen.
900 Es gibt große jüdische Gemeinden im deutschsprachigen Raum: Köln, Speyer, Worms, Mainz
1028 Gebot der Monogamie setzt sich bei den Juden durch.
1090 Heinrich IV ist der erste Kaiser, der die Juden unter Schutz stellt. Er erzielt hierzu das Einvernehmen der katholischen Kirche: Schutz der Häuser und des Handels, keine Zwangstaufen. Die Juden tragen entscheidend zum Steueraufkommen bei.
1096 1. Kreuzzug Rückfall in die Judenverfolgung durch den ersten Kreuzzug. Juden werden entlang des Kreuzzugs überfallen, ausgeraubt, zwangsgetauft, ermordet.
1215 Papst Honorius der III. lässt Andersgläubige verfolgen. Er ordnet Zeichen an der Kleidung an und lässt abtrünnige Getaufte verfolgen.
1290 Die Juden werden aus England vertrieben.
1348 Pest Die Pest wütet in Europa und es werden Juden verfolgt, da man ihnen vorwirft, Brunnen vergiftet zu haben.
1356 Die Landesherren dürfen durch kaiserliches Edikt von den Juden Schutzgelder abkassieren.
1478 – 1834 Inquisition Im Zuge der spanischen Inquisition werden zum Christentum konvertierte und zwangsgetaufte gebürtige Juden und Moslems angeklagt. Die Mehrzahl der 30.000 Opfer der Inquisition sind Juden.
1492 Ende der Reconquista und weitere Vertreibung der Andersgläubigen (Juden, Moslems) aus Spanien mittels Vertreibungsedikt und Inquisition von Konvertiten.
1516 Einrichtung eines jüdischen Ghettos in Venedig
1597 Die Niederlande gewähren den Juden Schutz. Es entsteht die wichtige und wohlhabende Gemeinde der Juden in Amsterdam, die entscheidend zum Aufschwung des Handels beiträgt.
1654 Erste jüdische Gemeinde in New York
1656 Die Juden dürfen wieder in England siedeln.
1665 In Smyrna wird ein jüdischer “Messias” von Moslem zwangsislamisiert.
1671 Erste jüdische Gemeinde in Berlin.
1738 Joseph Süß Oppenheimer (Finanzexperte) wird in Württemberg hingerichtet
1754 Aufklärung Moses ben Menachem Mendelssohn und Gotthold Ephraim Lessing begründen die jüdische Aufklärung (Haskala) durch Verbindung von religiöser Tradition mit der Philosophie der Vernunft.
1791 Franz. Revolution Gleichstellung der Juden in Frankreich mit allen Bürgerrechten.
1807 Napoleon Gleichstellung der Juden in den von Napoleon eroberten deutschen Gebieten.
1812 Preußen Preußen gewährt den Juden Gleichstellung.
1817 Reformjudentum In Hamburg entsteht eine Synagoge, in der sich jüdische und christliche Gottesdienstelemente mischen.
1819 Rechte der Juden werden in Frankfurt und Mainz wieder beschnitten.
1820 3,75 Millionen Juden weltweit, davon 8000 in den USA und 2,25 in Osteuropa.
1843 Gründung einer Vereinigung gegen Antisemitismus in New York.
1858 Baron Rothschild (Bankier) wird erster jüdischer Abgeordneter in England.
1857 In Österreich-Ungarn werden die Juden gleichgestellt.
1871 Gleichstellung der Juden im Deutschen Reich. In der Praxis jedoch weiterhin Schlechterstellung durch Verwehrung öffentlicher Ämter in Militär, Verwaltung, Justiz.
1879 Wilhelm Marr (Hamburg) deklariert Juden zu einer “minderwertigen Rasse”.
1881 Judenprogrome in Russland. Auswanderungswelle in die USA. 30.000 russische Juden gehen nach Palästina.
1890 Begriff “Zionismus” wird durch Nathan Birnbaum (Wien) geprägt.
1893 Zentralverein jüdischer Bürger wird in Deutschland gegründet und soll auf juristischem Wege gegen wachsenden Antisemitismus vorgehen.
1894 Dreyfuß-Affaire in Frankreich. Der jüdische Offizier Alfred Dreyfuß wird in einem antisemitischen Schauprozess der Spionage für schuldig erklärt. Theopdor Herzl (Journalist) beobachtet den Prozess und schreibt danach “Der Judenstaat”.
1897 Zionismus Erster Zionistischer Weltkongress in Basel mit Theodor Herzl. Ziel ist ein eigener jüdischer Nationalstaat.
1900 10,5 Millionen Juden weltweit, davon 7,5 Millionen in Osteuropa, 1 Millionen in den USA, 500.000 in Deutschland, 300.000 in Nordafrika, 150.000 in Frankreich, 104.000 in Holland, 40.000 in Palästina.
1905 Palästina wird als Wunschort eines jüdischen Staates angegeben. Wichtige Vertreter des Zionismus sind Chaim Weizmann und David Ben Gurion, der nach dem Holocaust im Jahr 1948 den Staat Israel ausrufen wird.
1910 Erster Kibbuz am See Genezareth
1914 1. Weltkrieg Der amerikanische Finanzminister Henry Morgenthau gründet die erste jüdische Hilfsorganisation (Joint).
1917 Balfour Deklaration: Chaim Weizmann erwirkt die Zusage des britischen Außenministers Lord Balfour, dass die Briten eine nationale Heimstätte für die Juden in Palästina unterstützen. Die Briten besetzen Jerusalem.
1922 Der Völkerbund (UNO-Vorläufer) unterstellt Palästina dem britischen Mandat unter jüdischer Selbstverwaltung.
1933 Machtergreifung der extrem antisemitischen Nationalsozialisten unter Adolf Hitler. Beginn der großangelegten Judenverfolgung in Deutschland und den von Deutschland im 2. Weltkrieg besetzten Gebieten. 200.000 Juden wollen nach Palästina fliehen. Die Briten betreiben dort jedoch eine restriktive Einwanderungspolitik, um die Araber nicht zu verärgern.
1935 Die Nationalsozialisten erlassen die Nürnberger Gesetze zur Rassentrennung, Heiratsverbot mit Juden
1936 Gründung des World Jewish Congress in Genf.
1938 Reichskristallnacht, Pogrome gegen Juden: Kennzeichnungspflicht im Pass, Synagogenzerstörung, Enteignung, Ausschluss aus öffentlichen Schulen
1939 Im besetzten Polen Ghettoisierung der Juden und Kennzeichnung mit Judenstern.
1941 Judenstern wird in Deutschland eingeführt. “Endlösung der Judenfrage” wird vorbereitet.
1942 Wannseekonferenz beschließt das strategische Vorgehen zur Massenermordung der Juden. Beginn der groß angelegten Deportationen.
1943 Aufstand im Warschauer Ghetto und Ermordung und Deportation der polnischen Juden.
1944 20.000 Juden befinden sich in den Armeen der Aliierten.
1945 Bis zum Ende des 2. Weltkriegs ermorden die Nationalsolzialisten 6 Millionen Juden. Die Allierten tagen nach Deutschland Kapitulation in Paris und legen Reparationen fest und zwar ohne jüdische Beteiligung und ohne Erwähnung des Holocaust.
1947 Die Briten betreiben trotz großer jüdischer Flüchtlingswellen weiterhin eine restriktive Einwanderungspolitik in Palästina, Flüchtlingsschiffe werden zum Teil zurückgeschickt, worauf jüdische Untergrundorganisationen mit Attentaten reagieren. Die UNO-Vollversammlung beschließt einen Teilungsplan für einen jüdischen und einen arabischen Staat in Palästina, der von den arabischen Staaten abgelehnt wird.
1948 Gründung des Staates Israel Die Briten geben das Mandat in Palästina auf und ziehen sich zurück, woraufhin es zu Unruhen kommt. Ben Gurion ruft den jüdischen, aber säkularen Staat Israel aus, woraufhin Israel noch in der selben Nacht von mehreren arabischen Staaten angegriffen wird (Ägypten, Transjordanien, Irak, Syrien).
1949 Israel gewinnt den Krieg gegen die arabischen Angreifer.

 

 

QUELLEN und LINKS:

Nahostkonflikt:

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Griechen

Die Griechen waren Polytheisten mit einer eigenen Götterwelt, der zum Ende der mythologischen Entwicklung auf dem Berg Olymp seinen Wohnsitz hatte. Die Götter hatten Menschengestalt und menschliche Eigenschaften. Jeder Gott hatte bestimmte Attribute und Zuständigkeitsbereiche. Die Götterwelt entstand aus dem Chaos. Aus dem Chaos entstand als erste Göttergeneration: die Erde Gaia, die Unterwelt Tartaros, die Liebe Eros, die Finsternis Erebos und die Nacht Nyx. Aus diesen Göttern gehen viele weitere hervor: der Tag Hemera, die Luft Aither,  das Meer Pontos, die Berge Ourea, der Himmel Uranos….. Nicht nur der “Stammbaum” der Götter, auch ihr Herrschaftsbereich spielen eine Rolle. Der erste Herrscher über die Welt, Uranos, wird von seinem Sohn, dem Titanen Kronos, entmannt und entmachtet, woraufhin die Titanen über die Welt herrschen. Die Titanen werden wiederum von Kronos’ Sohn Zeus gestürzt, im Anschluss beginnt die Herrschaft der olympischen Götter. Zeus sichert seine Herrschaft, indem er seine schwangere Gattin Metis verschlingt, da es deren ungeborenem Sohn bestimmt gewesen wäre, die Stelle des Zeus einzunehmen. Den gigantischen Pantheon kann man sich im Mythoskop ansehen.

Für die Götter wurden Tempel gebaut und man brachte ihnen Geschenke und Tieropfer dar. Die Griechen glaubten wie die Ägypter an ein Weiterleben in einem Totenreich. Aber genauso wie bei dem Ägyptern gab es auch die Möglichkeit, vom Totenreich ausgeschlossen zu werden. Anstatt vollständig ausgelöscht zu werden (wie bei den Ägyptern), ging es dabei “eine Etage tiefer” in eine Verdammnis.

Ab etwa 300 vor Christus entwickelten sich auch jüdische Gemeinden in Griechenland, heute sind es nur noch 5.000 Juden. In Griechenland breitete sich das Christentum rasch aus und viele biblische Schriften wurden in Altgriechisch verfasst oder ins Altgriechische übersetzt. Die Orthodoxie ist heute Staatsreligion.

LINKS:

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Römer

Hier ist die Ausdehnung des Römischen Reiches zu sehen:

Römisches Reich

Aufstieg und Niedergang des Römischen Reiches. (Territorien der Jahre 510 v. Chr. bis 530 n. Chr.)

Bis 500 vor Christus gab es in Rom eine Naturreligion, die sich an Erde, Feldfrüchten und Ernte orientierte. Dann begannen die Römer mit dem Import des griechischen Pantheons, aus dem ihre Hauptgötter resultieren. Sie entsprechen denen der olympischen griechischen Götter. Hier die Namen der bekanntesten:

  • Hauptgott Jupiter (Zeus)
  • Hauptgöttin Juno (Hera)
  • Neptunus (Poseidon)
  • Minerva (Athene)
  • Mars (Ares)
  • Venus (Aphrodite)
  • Apollo (Apollon)
  • Diana (Artemis)

Die Römer waren also nicht abgeneigt, Religionen anderer Völker zu adaptieren. Bemerkenswert ist auch, dass sie in der Regel die verschiedenen Kulte in ihren Provinzen bestehen ließen. Dort jedoch, wo ihnen die Sache zu brenzlig wurde, bekämpften sie andere Religionen: Im Jahre 70 brannten die Römer den jüdischen Tempel in Jerusalem nieder, um die aufständischen Juden unter Kontrolle zu bekommen. Und als das Christentum begann, sich bis nach Rom auszubreiten, wurde es sehr lange Zeit restriktiv verfolgt. Im Circus Maximus fanden öffentliche Hinrichtungen statt. Der Obelisk, der dort stand, steht heute als “Zeitzeuge” auf dem Petersplatz vor dem Vatikan. Später jedoch führte Constantin das Christentum als römische Staatsreligion ein → Zeittafel des Christentums.

LINKS:

 

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Christen

Die Christen sind die Ersten, deren Religion nicht an ein bestimmtes Volk gebunden ist, sondern multinational konzipiert ist. Entstanden ist das Christentum aus dem Judentum. Das Alte Testament ist in der Lutherbibel identisch mit dem jüdischen Tenach. Die ökumenische Einheitsübersetzung der Bibel enthält darüber hinaus die sogenannten deuterokanonischen Schriften. Diese sind der Lutherbibel als Apokryphen angefügt (außerbiblische Bücher).

Die Bibel gilt als “göttlich inspieriert”, aber nicht als reine Offenbarungsschrift. Natürlich finden sich trotzdem Offenbarungen darin – also direkte Gottesworte und prophetisches Reden: Im Alten Testament spricht Gott direkt zu Menschen und sie können ihn zum Teil mit eigenen Augen sehen (Adam, Noah, Abraham, Mose und die 70 Ältesten). Auch im Neuen Testament ist das der Fall, denn alle Worte Jesu stellen Gottesworte dar. Außerdem berichtet die Bibel sowohl im Alten als auch im Neuen Testament von Boten Gottes (z.B. Erzengel Gabriel überbringt Maria die Botschaft von Jesu Geburt). Im Alten Testament gibt es viele Prophetenbücher und das Neue Testament schließt mit der Endzeitprophetie des Johannes ab. Der restliche Text der Bibel enthält Gotteslob und Lebensrat (Psalmen) sowie die Geschichte vom Alten und Neuen Bund Gottes mit den Menschen. Vom zeitlichen Rahmen kann man grob sagen, dass das Alte Testament bis 100 vor Christus fertig gestellt war und das Neue Testament bis 100 nach Christus.

Die Kanonisierung des Neuen Testaments fand aber erst im 4. Jahrhundert statt als das Christentum römische Staatsreligion geworden war. Wegen der mittlerweile größeren Ausdehnung war es erforderlich, dass die Bischöfe sich in gewissen Anständen trafen, um gemeinsame Angelegenheiten der Kirche zu entscheiden. Aber schon vor dieser Zeit hat die Kirche begonnen, Häresien zu benennen und zu verwerfen. Davon zeugen die Apostelgeschichte, die Apostelbriefe und die Schriften der anerkannten Kirchenväter.

Neben der schriftlichen Überlieferung existiert die Tradition sie umfasst die Ausgestaltung der kirchlichen Lehre und die Volksfrömmigkeit.

→ VIDEO “Das Jesus-Geheimnis” (ZDF History). Im Video wird erklärt, wie es zur Zeit Jesu in der römischen Provinz Judäa bzw. (nach Umbenennung) in Syria Palästina zuging, wie die Römer mit den Juden und den Christen umgingen und wie das Christentum zur Staatsreligion wird. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Frage, ob sich die Auferstehung Jesu belegen lässt, ob das Turiner Grabtuch echt sein könnte und was die Auswertung apokrypher Schriften ergeben hat. Zumindest wird der Stand der wissenschaftlichen Diskussion verdeutlicht, denn aus den eigentlichen Glaubensfragen hält sich ZDF History natürlich heraus.

Verbreitung des Christentums im Römischen Reich:

Verbreitung des Christentums im römischen Reich

Verbreitung des Christentums im römischen Reich (zum Vergrößern anklicken)

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Araber

Arabien im Frühmittelalter

Arabien

Zerfallener schwarzer Stein an der Kaaba

Zerfallener schwarzer Stein an der Kaaba

Die Araber sind ein Nomadenvolk auf der arabischen Halbinsel (Beduinen). Sie glaubten an das Vorhandensein vieler verschiedener Götter. Sie verehrten ihre Götter in heiligen Steinen. Der schwarze Stein an der Kaaba ist einer der bekanntesten vorislamischen und islamischen Steingötzen. Noch heute wird der – mittlerweile in Fragmente zerfallene Stein – während der jährlichen Pilgerreise umrundet. Der Stein soll zunächst auf dem Berg Abu Qubais verehrt worden sein, bevor ihn der Stamm der Quraisch in der polytheistischen Beduinen-Pilgerstätte von Mekka an der Kaaba ausstellte. Für Muslime ist das würfelförmige schwarze Gebäude Kaaba das bayt Allāh / ‏بيت الله‎ /‚Haus Gottes‘.

Besonders im Pilgerzentrum Mekka wurden über Jahrhunderte eine ganze Reihe Götter verehrt, deren Sitz zunächst unbearbeitete Steine waren, erst später wurden die Götter zu Figuren geformt. Insgesamt wurden 360 Götter in Mekka verehrt.

Aber nicht nur Steine, sondern auch bestimmte Bäume und Quellen galten als heilig. Diesen Kult kann man sehr gut nachvollziehen für ein Land, das zum überwiegenden Teil aus Wüste besteht. An der Kultstätte in Mekka wird noch heute die Zam-Zam-Quelle als heilig verehrt.

Die Steine wurden von den Aarabern berührt, geküsst und umkreist. Den Umlauf nannte man tawaf ‏طواف‎ / ṭawāf oder dawar ‏دوار ‎ / dawār. Tawaf nennt man noch heute den Umlauf um die Kaaba. Der Begriff Dawa taucht im Zusammenhang mit der Missionierung auf.

Allah war Hauptgott der Araber – schon lange vor der vermeintlichen Existenz Mohammeds. Neben Allah war eine der Hauptgottheiten der arabischen Polytheisten Hubal, der bei der Kaaba als Figur aus rotem Karneol verehrt wurde. Zu Hubal gehörte auch ein Orakel, das man bei wichtigen Anlässen befragte.

Allahs Töchter wurden ebenfalls in Steinen angebetet. Es sind dies die drei Hauptgöttinnen Al-Lat, Manat und Al-Uzza, denen man Schlachtopfer darbrachte.
Al-Lat hatte ihren Sitz in einem weißen Stein. Sie ist die Abendstern-Göttin. Mohammed ließ auf dem Heiligtum von Al-Lat die erste Moschee errichten.
Die Mondgöttin Al-Manat wohnte in einem schwarzen Stein. Dort gab es auch ein Orakel.
Die Morgenstern-Göttin Al-Uzza hatte ihren Sitz in einem roten Stein. Al-Uzza manifestierte sich auch in Bäumen, die als heilig galten.

Außer Göttern gab es auch böse und hilfreiche Geister (Dschinn).

Der altarabische Glaube kennt keine Jenseitsvorstellung. Das unterschied ihn deutlich von allen bisher genannten Religionen. Es ist erstaunlich, dass sich dieser relativ einfach gestrickte Glaube so lange halten konnte, denn auf den Handelsrouten, in den Oasen und Pilgerstätten kam man ja mit Vertretern anderer Kulturen in Kontakt.

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Der religiöse Baukasten rund um das Mittelmeer

Alle oben genannten Religionen entwickelten sich rund um das Mittelmeer und daher kann man nun auflisten, welche religiösen Elemente in der Antike (bis 600 nach Christus) bekannt waren:

“Religiöser Baukasten” der Antike Mittelmeerraum
Hauptgott / Schöpfergott
Götter bestimmter Zuständigkeitsbereiche
Geister (gute, böse)
Halbgötter, Gottessöhne, Messias
Propheten
Gelehrte (Priester, Schriftgelehrte)
Jenseits als Ziel (Totenreich, Elysion, Paradies)
Jenseits als Verbannung (Hades, Orcus, Tartaros, Hölle)
Totengericht
Beeinflussung des Diesseits (Kulthandlungen, Opfer bringen, Orakel, Traumdeutung)
Beeinflussung der Aufnahme ins Jenseits (Totenbeigaben, Heldentum, Gebote und Verbote beachten)
Vererbung der Religionszugehörigkeit, Heiratsverbote
Religion als Bekenntnis mit Aufnahmeritus, Verbreitung mittels Mission

 

Was nicht nicht im Mittelmeerraum entwickelt hat, sondern auf dem indischen Subkontinent:

  • Die Vorstellung eines “Seelenpools”
  • Die Vorstellung der Reinkarnation (Wiedergeburt)

Stellen Sie sich nun vor, Sie sollen eine möglichst erfolgreiche Religion anhand des bis dahin bekannten “religiösen Baukastens” zusammenstellen: Wie könnte diese Religion konzipiert sein?

Kreation einer erfolgreichen Religion anhand der Kenntnisse des ausgehenden Altertums
Ein Gott oder viele Götter? Die Entwicklung hat gezeigt, dass sich der Monotheismus gegenüber dem Polytheismus durchgesetzt hat. Deshalb würde man einen Haupt- bzw. Schöpfergott auswählen. Der Vorteil liegt darin, dass sich die Religionszugehörigen auf einen Gott konzentrieren anstatt Vorlieben für bestimmte Götter zu entwickeln und sich damit zersplittern.
Um eine Erklärung für das Böse in der Welt zu liefern, würde man mindestens eine dem Guten entgegengesetzte Kraft beschreiben: Ein Teufel und / oder böse Geister.
Um das Wissen über die Religion glaubhaft zu machen, würde man postulieren, dass es Menschen mit einem “besonderen Draht” zu dem einen Gott gibt: Menschen mit göttlich verliehenen Eigenschaften, Propheten, ein göttlicher Messias. Eine weitere Möglichkeit, die Kommunikation der Offenbarung glaubhaft zu machen, sind Götterboten (Engel).
Um kultische Handlungen vorzunehmen und das Wissen zu konservieren und weiterzugeben, würde man Gelehrte beauftragen: Priester, Schriftlehrte
Um der kultischen Handlung angemessenen Raum zu geben, würde man sie so konzipieren, dass man bestimmte Zeiten festgelegt und sie sowohl für den Einzelnen als auch als Zelebrierung in der Gemeinschaft vorschreibt.
Um die Religion attraktiv zu gestalten würde man eine Belohnung in Aussicht stellen: Mehr Glück für das Diesseits – und da dieses nicht immer vorhanden ist: Belohnung im Jenseits
Um eine Abschreckung für Regelabweichungen einzubauen, würde man mit einer Strafbewehrung arbeiten: Gericht über den Menschen (im Diesseits und im Jensseits), Strafen (im Diesseits und im Jensseits)
Um der Religion die größten Expansionsmöglichkeiten einzuräumen, würde man die Merkmale Geburtsreligion und Bekentnisreligion kombinieren sowie bezüglich der Vererbung Heiratsverbote erlassen und bezüglich der Verbreitung außerhalb der Gruppe einen Missionsbefehl erlassen und einen Aufnahmeritus festlegen.

Gibt es eine solche Religion, die aus allen vorhandenen Möglichkeiten diejenigen Elemente ausgewählt hat, die eine Religion besonders erfolgreich machen? Ja, es gibt sie: Der Islam.

Der Islam kombiniert alle seit dem Altertum bekannten religiösen Elemente, die sich bewährt haben und das Funktionieren, das Überleben und die Expansion einer Religion sichern. Der Verdacht liegt nahe, dass der Islam eine raffinierte Erfindung ist.

Der Islam toppt die oben aufgelisteten Merkmale noch dadurch, dass er sich als “abschließende Religion” definiert. Das kann man durchaus wörtlich nehmen, denn man kann keine Religion konzipieren, die erfolgversprechender ist. Der Islam hat sich sämtlicher Mittel bedient, die eine Expansion fördern.

Der Islam hat sich aber nicht nur im Mittelmeerraum bedient. Die islamische Lehre beinhaltet nämlich auch die Vorstellung eines vorgeburtlichen “Seelenpools”, indem er behauptet, alle Menschen seien vor Tausenden von Jahren gleichzeitig geschaffen. Dies erinnert an die buddhistische und hinduistische Lehre.

Wer immer den Islam konstruiert hat: Er hatte religiöse Kenntnisse und Zugang zu Schriften, die er lesen konnte. Laut islamischer Überlieferung war Mohammed selbst im Alter von 40 Jahren noch Analphabet.

Wo überhaupt gab es im Altertum ein Zentrum, in dem alles Wissen der damaligen Zeit gesammelt wurde? Die größte Bibliothek des Altertums war die Bibliothek von Alexandria, die Anfang des 7. Jahrhunderts von Arabern überfallen wurde. Genau zu jener Zeit also, wo der sagenumwobene Mohammed gelebt haben soll, der dem bis dahin primitivsten Glauben im gesamten Mittelmeerraum revolutioniert haben soll.

Wie auch immer sich die Araber das Wissen aneigneten, um ihren Steineglauben zu revolutionieren: Das aufwändige und bis ins letzte Detail ausgefeilte religiöse Gesetz lässt eine sytematische Kombination aller erfolgreichen Religions-Bausteine erkennen.

LINKS:

Gott

Bibliothek von Alexandria

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Islam

Im vorigen Kapitel wurde ja schon festgestellt, dass der Islam alle bis dahin bekannten erfolgversprechenden religiösen Elemente zu einem aufwändigen Glaubenssystem kombiniert. Laut islamischer Überlieferung soll sich Austausch der primitiven vorislamischen Steinreligion durch ein ausgefeiltes religiöses System innerhalb von 20 Jahren während des Lebens des Mohammed vollzogen haben. Hier die Eckdaten der islamischen Version:

Der islamischen Theorie zufolge soll Mohammed ein Prophet gewesen sein, der zwischen 569/570 (Mekka) und 8. Juni 632 (Medina) gelebt haben soll. Ab dem Jahr 610 soll er eine Offenbarung von einem Gott namens Allah erhalten haben, die dieser über einen Engelboten namens Gabriel “herabgesandt” habe. Seine Lehre soll zeitnah von seinen Anhängern in einer Loseblattsammlung fixiert worden sein. 20 Jahre nach seinem Tod soll mit der Erstellung des Koran begonnen worden sein. Zu der Zeit soll bereits die gesamte arabische Halbinsel durch Mohammed erobert und islamisiert worden sein.

Die islamische Zeitrechnung beginnt mit dem 1. Muharram 1 AH = 16. Juli 622, dem Beginn des von der islamischen Tradition festgelegten Jahres der Hidschra, der Auswanderung des Propheten Mohammeds aus Mekka.

Welche Schritte waren notwendig, um vom vorislamischen Polytheismus mit Hauptgott Allah zum islamischen Monotheismus mit alleinigem Gott Allah zu gelangen?

Der “Pantheon” der Araber wurde drastisch reduziert. Der Glaube wurde um ein wichtiges Element ergänzt, das dem altarabischen Polytheismus vollkommen fehlte: Der Glaube an ein Leben nach dem Tod, an ein Paradies. Nur war das Paradies ja keine “Neuerfindung”, sondern längst Bestandteil des jüdischen und christlichen Glaubens. Was jetzt noch fehlte, war also eine Begründung, warum man nicht Jahwe oder Jesus anbeten sollte, sondern den Beduinengott Allah, um in das Paradies des EINEN Gottes zu kommen. Dazu gab es nur eine Möglichkeit: Man musste Judentum und Christentum als Fälschung deklarieren. Das Problem dabei ist allerdings, dass die Juden spätestens seit dem Babylonischen Exil strikt monotheistisch sind und die Christen es von Anbeginn waren. Dagegeben hatte Allah ganz schlechte Karten, der ja in Mekka mit 360 anderen Göttern angebetet wurde. Wer also sollte freiwillig glauben, dass nicht Jahwe und Jesus Gott sind, sondern Allah???

Trick Nr. 1

Um dieses Dilemma zu lösen, bediente man sich eines Tricks. Man behauptete, die Araber hätten immer schon (!) den richtigen Gott angebetet, nämlich Allah. Die übrigen arabischen Götter seien schirk gewesen – “Beigesellung”.

Trick Nr. 2

Der zweite Trick kommt in vielen Koransuren zum Ausdruck. Abraham wird als Stifter der sogenannten Religion des “Hanifentums” deklariert. Damit wird eine neue Schiene neben der jüdisch-christlichen Überlieferung angelegt.

Sure 2:135:

„Und sie (d.h. die Leute der Schrift) sagen: ‘Ihr müßt Juden oder Christen sein, dann seid ihr rechtgeleitet.’ Sag: Nein: (Für uns gibt es nur) die Religion Abrahams, eines Hanifen – er war kein Heide.“

Sure 3:67:

Abraham war weder Jude noch Christ. Er war vielmehr ein (Gott) ergebener Hanīf und kein Heide.“

Sure 3:95:

„Sag: Gott hat die Wahrheit gesagt. Darum folgt der Religion Abrahams, eines Hanīfen – er war kein Heide.

Sure 10:105:

„Und (mir wurde befohlen): richte dein Antlitz auf die (einzig wahre) Religion! (Verhalte dich so) als Hanīf . Und sei ja kein Heide.

Sure 30:30:

„Richte nun dein Antlitz auf die (einzig wahre) Religion! (Verhalte dich so) als Hanīf! (Das (d.h. ein solches religiöses Verhalten) ist) die natürliche Art, in der Gott die Menschen erschaffen hat. Die Art und Weise, in der Gott (die Menschen) geschaffen hat, kann (oder: darf?) man nicht abändern (w. (gegen etwas anderes) austauschen). Das ist die richtige Religion. Aber die meisten Menschen wissen nicht Bescheid.“

Siehe auch 4:125; 6:79 und 161; 16:120; 22:31

Trick Nr. 3

Wie kann man diese abrahamitische Lehre des Hanifentums nun von der jüdisch-christlichen Tradition vollkommen abkoppeln? Ganz einfach: Abrahams Hanifentum soll über Abrahams unehelichen, aber erstgeborenen Sohn Ismael / Ismail weitergeben worden sein – und damit unabhängig von Juden- und Christentum, die sich auf Abrahams ehelichen Sohn Isaak berufen.

Mit dem Begriff Hanif grenzte man sich also erfolgreich gegen drei Fronten ab: Gegen die Juden und Christen (die sich auf Abrahams Sohn Isaak berufen) und gegen den ganzen schirk, dem die Araber neben Allah ihre Opfer darbrachten.

Damit hatte man also alle Zutaten beisammen, um den arabischen Steingott Allah “upzudaten” und ihn als Konkurrenten zu Jahwe bzw. Jesus aufzubauen:

  • Abraham als Religionsgründer der Hanifen bezeichnen
  • Abrahams Sohn Ismael als Überlieferer des Hanifentums deklarieren
  • sich über die Linie Abraham auf Adam zurückdatieren
  • das von der jüdisch-christlichen Tradition proklamierte Paradies aufnehmen, in dem Adam (der erste Hanif!) einst lebte
  • Polytheismus als Sünde bezeichnen
  • Juden und Christen als Fälscher bezeichnen

Es braucht keine Offenbarung durch einen Engel, um dieses Update vorzunehmen. Alles, was man dazu brauchte, war die Bibel und ein bisschen Phantasie.

Die Frage sollte eher lauten: Warum sah es jemand als vorteilhaft an, für die Araber einen neuen Glauben rund um ihren Hauptgott Allah zu kreieren?

Wer in der Wüste wohnt, hat zwei Möglichkeiten: Entweder er lässt sich dort von Vorbeiziehenden versorgen oder er sucht sich neue Gefilde. Das Allah-Update war sehr erfolgreich für Mekka, wie man auf dem Bild unten sehen kann. Aber auch die zweite Komponente war erfolgreich: Zu expandieren und Steuern von fremden Völkern einzunehmen. Doch für diese Anstrengung braucht man eine Motivation: Ein Paradies für den Kampf in einem “heligen Krieg”.

Was ist heute noch Usus bei den Arabern?

  • Der vorislamische Hauptgott Allah gilt nun als “einziger Gott”.
  • Das Pilgern zu dem schwarzen Stein, der den Sitz der Gottheit repräsentiert, wird weiter praktiziert – ebenso wie das Umrunden und Berühren des Steins.
  • Die Fortführung des Schlachtopfers, indem jedes Tier vor der Schlachtung Allah geweiht wird und sein Blut (das früher zum Bestreichen der Steine benötigt wurde), durch Schächten langsam beim Sterbevorgang aus dem Körper fließen soll. Die Pilgerphase des Jahres wird mit dem Opferfest abgeschlossen, bei dem jede Familie selbst ein Tier opfern soll.
  • Der Mond und der Stern gelten als Hauptsymbole des Islam. Sie symbolisieren die Töchter Allahs (Mondgöttin Al-Lat, Morgenstern-Göttin Al-Uzza, Abendstern-Göttin Al-Lat).
  • Das Beten ohne Schuhe und das Pilgern mit besonderen Gewändern, um die Kultstätte nicht zu verunreinigen stammen ebenfalls aus dem vorislamischen Kult.
Rituelles Schächten im Kreise der Familie

Rituelles Schächten im Kreise der Familie

Pilgerreise - Mekka - Kaaba

Pilgerreise nach Mekka zur siebenmaligen Umrundung der Kaaba

Begleiterscheinungen des Islam:

1500 – 1800 Die muslimischen Piraten aus Algier, Tunis und Tripolis (ZEIT 20.05.2012)

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Zeitungsberichte über die historisch-kritische Analyse des Islam

Der islamischen Theorie zufolge soll Mohammed ein Prophet gewesen sein, der zwischen 569/570 (Mekka) und 8. Juni 632 (Medina) gelebt haben soll. Ab dem Jahr 610 soll er eine Offenbarung von einem Gott namens Allah erhalten haben, die dieser über einen Engelboten namens Gabriel “herabgesandt” habe. Seine Lehre soll zeitnah von seinen Anhängern in einer Loseblattsammlung fixiert worden sein. 20 Jahre nach seinem Tod soll mit der Erstellung des Koran begonnen worden sein. Zu der Zeit soll bereits die gesamte arabische Halbinsel durch Mohammed erobert und islamisiert worden sein.

Die islamische Zeitrechnung beginnt mit dem 1. Muharram 1 AH = 16. Juli 622, dem Beginn des von der islamischen Tradition festgelegten Jahres der Hidschra, der Auswanderung des Propheten Mohammeds aus Mekka.

Der Haken an dieser Darstellung liegt darin begründet, dass die zeitlichen Abläufe einzig und alleine in innerislamischen Quellen genannt werden. Sie sind bisher nicht “offiziell” verifiziert worden. Daher werden im folgenden die Knackpunkte dargestellt, die die islamische Version laut wissenschaftlicher Forschung aufweist.

12.12.2006 DiePresse.com

Mohammed, der einst Jesus war

Der “Urkoran” war christlich, mit dem Propheten-Namen war ursprünglich Jesus gemeint, behaupten Forscher.

Ein einziges Mal hat mich ein Muslim beschimpft, aber der sagte überhaupt seltsame Sachen; etwa, dass Mohammed den Islam ruiniert hat.” Karl-Heinz Ohlig glaubt, dass er bisher “Glück hatte”. Noch ist es auch kaum über die akademische Welt hinausgedrungen, was er und seine Kollegen vor einem Jahr im Buch “Die dunklen Anfänge” versammelten. Seitdem haben sie ihre Thesen vertieft, nachzulesen ab Jänner unter dem schlichten Buchtitel: “Der frühe Islam”. Nichts an der Aufmachung und dem Gelehrtenstubenstil verrät die Sprengkraft des Inhalts: Mit “muhammad” sei ursprünglich Jesus gemeint, der frühe Islam sei eine Variante des Christentums, der “Urkoran” ein christliches Buch in syrisch-aramäischer Sprache.

Karl-Heinz Ohlig lehrt Religionswissenschaft und Geschichte des Christentums an der Universität des Saarlandes, seine Mitstreiter sind in Europa lehrende und forschende Orientalisten, Sprachwissenschaftler, Historiker, Numismatiker, einige von ihnen arabischer Herkunft, drei von ihnen verwenden ein Pseudonym. Eines davon, Christoph Luxenberg, steht seit sechs Jahren für eine international aufsehenerregende islamwissenschaftliche Provokation. In seinem Buch “Die syro-aramäische Lesart des Koran” zeigte der aus Syrien gebürtige, in Deutschland lebende und lehrende Aramäisch-Experte, dass viele als “dunkel” geltende Koranstellen einen Sinn bekommen, wenn man sie aramäisch statt arabisch liest.

So sagt das Jesus-Kind der wegen der unehelichen Geburt betrübten Maria nicht mehr: “Dein Herr hat unter dir ein Bächlein gemacht”, sondern: “Dein Herr hat deine Niederkunft legitim gemacht.” Und die Jungfrauen im Paradies (“großäugige Huris”) entpuppen sich als weiße Trauben.

Sein neuer Beitrag in “Der frühe Islam” werde “einige Aufregung” verursachen, meint Luxenberg im Gespräch mit der “Presse”. “Weil er noch viel weiterführt. Es ist der empirische Nachweis, dass der Koran nicht nur syrische Sprachelemente enthält, sondern mindestens zum Großteil ursprünglich in syrischer Schrift verfasst war.”

Einige Stellen würden nämlich nur deswegen unverständlich wirken, weil der Abschreiber beim Übertragen in das arabische Schriftsystem ähnlich aussehende syrisch-aramäische Buchstaben verwechselt habe. Setze man den anderen Buchstaben ein, ergebe sich plötzlich ein klarer Sinn. Ein erstes Beispiel hatte Luxenberg schon in “Die dunklen Anfänge” angeführt, in “Der frühe Islam” bringt er eine Fülle weiterer; für Herbst 2007 bereitet er ein Buch dazu vor.

Ein “Urkoran” in aramäisch-arabischer Mischsprache und syrischer Schrift also: Aber warum christlich? Hier setzen die Münzanalysen des Numismatikers und Orientalisten Volker Popp an – und das Studium einer Inschrift: jener im Felsendom in Jerusalem. “Abgesehen vom Koran”, so Ohlig im “Presse”-Gespräch, seien das “die einzigen zweifellos aus den ersten zwei Jahrhunderten islamischer Zeitrechnung stammenden Quellen, in denen das Wort ,muhammad’ vorkommt”.

Bemerkenswerterweise aber nicht als Eigenname des Propheten, sondern als Hoheitstitel – für Jesus. Die ersten dieser Münzen kämen aus dem ostiranischen Raum, ihre Symbolik sei eindeutig christlich (Kreuz, christlicher Herrscher), argumentieren die Forscher. Und “muhammad” (beziehungsweise zunächst “MHMT”) bedeute hier schlicht “Der Gepriesene, Gelobte”.

Aus derselben Zeit (Ende 7. Jh.) stammt die Inschrift im Felsendom in Jerusalem, einem der berühmtesten Heiligtümer des Islam. Darin kommt das Wort “muhammad” genau einmal vor, in einem Satz, der Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses wurde: “muhammad(un) ‘abd(u) llah(i) wa-rasuluh(u)”. Luxenberg liest das nicht als “Mohammed (ist) der Knecht und Gesandte Gottes”, sondern als “Gelobt sei der Knecht und Gesandte Gottes”. Und sieht diese ebenfalls mögliche Lesart durch eine weitere Stelle in der Inschrift bestätigt, wo noch einmal einer als “Knecht und Gesandter Gottes” bezeichnet wird, und zwar: “Messias, Jesus, Sohn der Maria”.

Und der Koran? Dort komme “muhammad” genau vier Mal vor, sagt Ohlig. “Und drei Mal ist es mit großer Wahrscheinlichkeit auf Jesus bezogen.” Der Koran erzähle auch so gut wie nichts über das Leben des Propheten. “Das findet man erst in den Hadithen, und die stammen aus dem 9. Jahrhundert. Immer hat es geheißen, im Christentum ist alles unklar, im Islam alles klar, dabei ist es umgekehrt. Zwischen dem Tod Jesu und der Entstehung des Neuen Testaments liegen wenige Jahrzehnte, im Islam sind es zwei Jahrhunderte!” Nach einer noch innerchristlichen Zwischenphase, in der schon ein arabischer Prophet als Gewährsmann auftrete, sei dieser ab der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts “historisiert” und mit biografischen Details geschmückt worden.

In Summe habe man “keinen Kontext” für den laut Überlieferung 632 verstorbenen Mohammed, ist auch die in Princeton lehrende Orienthistorikerin Patricia Crone überzeugt. Der Umzug von Mekka nach Medina sei eine Erfindung des 9. Jahrhunderts. An der Existenz eines Propheten Mohammed zweifelt sie aber nicht – weil er in christlichen Quellen erwähnt werde. “Die haben wir alle nur in späteren Handschriften”, wendet Ohlig ein. “Es ist bekannt, dass Abschreiber oft die Texte ,interpolierten’, eigenes Wissen hinzufügten. Das gilt auch für die Übersetzungen, wo aus Arabern oder Sarazenern Muslime werden.”

Und warum wurden diese Thesen nicht früher diskutiert? “Der Islamwissenschaft fehle der christlich-theologische, sprachwissenschaftliche und historische Hintergrund”, sagt Ohlig. “Es fehlen selbst die Anfänge einer wissenschaftlichen Diskussion. Bis heute gibt es keine textkritische Ausgabe. Offiziell würden die Thesen verschwiegen, meint auch Luxenberg, dem das Berliner Wissenschaftskolleg 2004 immerhin sogar ein eigenes Symposium widmete. “Die Devise scheint zu sein: Mal abwarten, was noch auf uns zukommt.”

Und die islamische Welt? “Als die Zeitung ,Israel Today’ über meine Forschungen zum Felsendom berichtete, kam im Internet sofort die Reaktion: Muslime haben keinen Anspruch auf Jerusalem.” Solche Instrumentalisierung fürchtet Luxenberg. Vor einiger Zeit habe er auch vor arabischen Wissenschaftlern darüber gesprochen, erzählt er. “Sie waren begeistert und zugleich außer sich – sie sagten, ich dürfe das ja nicht vor großem Publikum sagen, denn das wäre die Revolution.”

Die könnte noch kommen, sind die Bücher auf Englisch erhältlich: Die Übersetzung von “Die syro-aramäische Lesart des Koran” soll im Jänner, jene von “Dunkle Anfänge” im Herbst 2007 erscheinen.

http://www.youtube.com/watch?v=K8xxoQAymJc

12.09.2008 Jesus.ch

„Koran nicht Wort für Wort diktiert“: Islamwissenschaftler fordert kritische Forschung

Nach Ansicht des Islamwissenschaftlers Muhammad Sven Kalisch fehlt in der islamischen Theologie eine historisch-kritische Forschung. Die Islam-Verbände in Deutschland würden sich dieser Herausforderung nicht stellen, sagte der Direktor des «Centrums für religiöse Studien» der Universität Münster der Zeitung «Die Welt».

Selbständig denken will Kalisch auch über den Stifter der islamischen Religion. Die «Südddeutsche Zeitung» zitiert ihn mit den Worten, es könne nicht widerlegt und nicht bewiesen werden, dass Mohammed gelebt habe. Er selbst neige «zunehmend dazu, anzunehmen, dass er nicht gelebt hat, jedenfalls nicht so, wie ihn der Koran und die Hadithe, die Überlieferungen, beschreiben.» Und wenn das so sei, “dann kann der Koran zwar göttlich inspiriert sein, eine grosse Erzählung von Gott, aber nicht von Allah Wort für Wort einem Propheten diktiert“.

In den Augen des Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Ayyub Axel Köhler, „bezweifelt Kalisch grundsätzliche Lehren des Islam in so einer krassen Weise, dass man dem nicht mehr folgen kann.“ Den Koran wörtlich zu interpretieren, wie dies Fundamentalisten täten, sei das eine Extrem, die Existenz des Propheten Mohammed zu leugnen das andere. (Das Bekenntnis der Muslime, die Shahada, verbindet den Glauben an Allah und an seinen Gesandten.)

Der Rechtsgelehrte Kalisch (42), dessen Mutter innerasiatisch Vorfahren hat, war als Teenager von Mongolen und innerasiatischen Turkvölkern fasziniert. Mit 15 trat er vom Christentum zum Islam über. Er gehört der schiitischen Strömung der Zaiditen an, die Offenbarung vernunftgemäss interpretieren will.

Mit seinen Auffassungen stellt er sich auch gegen die Kontrolle universitärer Inhalte durch muslimische Verbände, da er solche Kontrolle als nicht zeitgemäss ansieht. Die Verbände müssten sich überlegen, ob sie ergebnisoffene Forschung akzeptieren wollten. „Man muss sich damit abfinden, wenn Fakten auch gegen überlieferte Überzeugungen sprechen können”, sagte Kalisch der ‚Welt‘.

Vergangene Woche hat der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland deswegen die Zusammenarbeit mit dem «Centrum für religiöse Studien» in Münster aufgekündigt. Der Dachverband, der die vier grössten muslimischen Organisationen Deutschlands umfasst, will Muslimen ein Studium dort nicht mehr empfehlen.

Das Zentrum hatte unter anderem einen Lehramtsstudiengang für Islamunterricht an öffentlichen Schulen gegründet. Damit wurde erstmals in Deutschland eine Ausbildung von Lehrern für Islamkunde an einer Hochschule eingerichtet. Den Lehrstuhl dafür hat seit 2004 der muslimische Professor Muhammad Sven Kalisch inne. An der theologischen Ausrichtung von Kalisch war von muslimischer Seite jedoch wiederholt Kritik geäussert worden.

Bislang gibt es keine offiziell anerkannte islamische Religionsgemeinschaft, die vergleichbar der evangelischen oder katholischen Kirche eine Lehrbefugnis erteilen könnte. Um dennoch islamische Organisationen in Lehre und Forschung des Zentrums einzubinden, war ein Beirat gegründet worden, in dem auch muslimische Vertreter sassen. Sie hatten an der Ausarbeitung der Studienordnung mitgewirkt. Quelle: epd, SZ, Zeit

14.07.2011 Der Standard

Mag. Norbert Schmidt, geboren 1947, ist Publizist und arbeitete 15 Jahre in islamischen Ländern. Er beschäftigt sich mit geisteswissenschaftlichen Studien mit dem Schwerpunkt “Der frühe Islam”.

Seit wann gibt es den Islam?  Ein prominenter Forscher verlässt die Tradition

Für alle Gläubigen und die meisten Ungläubigen schien die Sache vollkommen klar: Mohammed (570-632) verkündete den Koran und gründete damit den Islam, der sich in der Folge fast explosionsartig über die halbe damalige Welt verbreitete. Ganze Bibliotheken mit Millionen von Bänden erzählen uns selbst die kleinsten Details dieser Geschichte.

Nun soll das alles ganz anders sein

Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts, einer geisteswissenschaftlich ungemein produktiven Zeit, regten sich Zweifel an der traditionellen islamischen Darstellung, namentlich vorgetragen von Ignac Goldziher. Er nannte die Hadithe, die “Taten und Sprüche des Propheten”, auf denen das gesamte Konstrukt des Lebens Mohammeds basiert, Erfindungen späterer Zeiten.

Dann erschöpfte sich die Islamforschung im deutschen Sprachraum ein Jahrhundert lang im Wesentlichen in der Imitation traditioneller islamischer Positionen. Bewegung kam erst wieder in die Szene, als im Jahr 2000 Christoph Luxenberg sein Buch “Die Syro-Aramäische Lesart des Koran” herausbrachte. Es erregte so großes Aufsehen, dass es dieses Fachbuch in deutscher Sprache auf die Titelseite der New York Times schaffte – und auf den Index in Pakistan.

Luxenberg, das Pseudonym eines in Deutschland forschenden Arabers (!) behauptete, die Originalsprache des Koran sei nicht das Koranarabische gewesen, sondern ein aramäisch – arabischer Mischdialekt. Die spätere Übersetzung ins Arabische habe aus Unkenntnis zu oft haarsträubenden Fehllesungen geführt, wie das Kopftuch oder die Himmelsjungfrauen für Märtyrer, was Luxenberg detailliert begründet.

Das Kopftuch ist eine Fehlübersetzung

Andere Forscher berichteten aus ihrem Spezialgebiet von Ergebnissen, die ebenfalls nicht mit dem traditionellen Islambild vereinbar sind. Sie schlossen sich zum Forschungskreis Inarah zusammen, der bislang fünf Bände herausgab, in denen neueste Arbeiten zur islamischen Frühgeschichte zusammengestellt sind. Tenor: Der ursprüngliche Islam ist ein spezielles arabisches Christentum. Die Ursprünge des Korans gehen auf Zeiten weit vor Mohamed zurück, die bekannten Gründungsgeschichten sind erst nachträglich entstandene Legenden. Mohamed selber ist eine literarische Integrationsfigur ohne historische Existenz.

Zwar versuchte der Hauptstrom diejenigen, die solche unerhörten Meinungen vertraten, in die wissenschaftliche Schmuddelecke zu stellen, aber argumentativ gelang keine überzeugende Replik. Auch erhielt dieser Kreis immer mehr wissenschaftlichen Zuspruch aus aller Welt, wenn auch nicht von den großen Namen klassischer Islamkunde.

Das änderte sich, als vor einigen Monaten im ifa-Magazin (Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart) ein Interview mit Josef van Ess erschien. Van Ess, emeritierter Professor aus Tübingen ist einer der weltweit bedeutendsten Islamforscher, sein Hauptwerk “Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra” umfasst sechs Bände. Allerdings sorgte van Ess in Teilen der Fachwelt für Kopfschütteln, denn er klammerte das erste islamische Jahrhundert aus, also justament die Zeit, in der Mohammed gelebt und den Koran in die Welt gebracht haben soll.

Es gibt keine zeitnahen Berichte über Mohammed

Im besagten Interview liefert van Ess erstmals die Begründung für die Unterschlagung der Ereignisse im 1. islamischen Jahrhundert nach: Wir wissen nichts darüber.

In der Tat stammen selbst die frühesten islamischen Berichte erst aus dem 9. Jahrhundert. Auf die Frage seit wann es den Islam gebe, antwortet van Ess: “Diese Frage ist überhaupt nicht zu beantworten (…), (denn) eines ist klar: Als es den Koran gab, gab es noch lange nicht den Islam.”

Josef van Ess weist die traditionelle Sicht der Dinge mit und um Mohammed zurück. Die Wende zum Islam sieht er unter dem Herrscher Abd al-Malik (um 700). Die Wissenschaftler des Inarah-Kreises setzen zwar die Wende nochmals 100 Jahre später an, aber die Konsequenzen sind dieselben: Die Nachfolger des “Propheten”, Abu Bakr, Umar und sogar Othman, der Herausgeber des einzig autorisierten Korans, waren keine Muslime, auch der Nachfolgestreit Alis, die Grundlage der Schiiten, hätte sich somit erledigt. Ebenfalls können die berühmten “Omayaden” zumindest bis Abd-al Malik keine muslimischen Kaliphe gewesen sein (was auch archäologische Funde belegen), sondern waren arabisch-christliche Herrscher.

Auch van Ess koppelt den Koran von der Person Mohammeds ab. Für ihn ist es überdies “sehr wahrscheinlich, dass der Islam von Muhamad noch gar nicht intendiert war.” Wenn man aber die Rolle des “Propheten” auf eine Marginalie zurückstutzt, ist die Frage nach seiner historischen Existenz schon fast zweitrangig. In etwa zur selben Zeit nennt die Berliner Professorin Neuwirth in einer Kehrtwendung den Koran “eine spätantike Schrift in vormohammedanischer Tradition”.

Es scheint nunmehr Einigkeit darin zu bestehen, dass die Wurzeln des Koran in die Zeit vor Mohammed reichen, dass der Koran nicht notwendigerweise mit der Person Mohammeds verknüpft ist und dass sich der Islam nach einer jahrhundertelangen Entwicklungsgeschichte erst deutlich nach dem “Propheten” als eigene Religion manifestierte.

Theologisch- und historisch-kritische Sicht hat nun den Islam erfasst. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber doch ein Novum für die Religion, die sich aus den verschiedensten Gründen lange Zeit historischer Kritik entziehen konnte. (Leser-Kommentar, Norbert Schmidt, derStandard.at, 14.7.2011)

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Interview mit Prof. Sven Kalisch über die fehlende Freiheit der Lehre in der Islamforschung und das Mobbing der Islamverbände

03.08.2009 Zeit

»Religionen sind wie Krücken«Muhammad Sven Kalisch – Die Freiheit

Muhammad Sven Kalisch steht unter Beschuss: Der erste Professor für islamische Theologie in Deutschland bezweifelt, dass der Prophet Mohammed je gelebt hat

DIE ZEIT: Sie sind schwer zu finden?

Muhammad Sven Kalisch: Warum?

ZEIT: Es hängt kein Schild unten an der Tür.

Kalisch: Das Institutsschild haben wir aus Sicherheitsgründen abmontiert.

ZEIT: Haben Sie Drohungen erhalten?

Kalisch: Es gibt keine konkreten Drohungen, aber den indirekten Vorwurf, ich sei vom Glauben abgefallen. Ausländische Zeitungen haben mich Sven Kalisch statt Muhammad Kalisch genannt und damit suggeriert, ich sei kein Muslim mehr. Das Vergehen der Apostasie wird nach traditioneller islamischer Auffassung mit dem Tod bestraft. Da gilt es, vorsichtig zu sein.

ZEIT: Wäre es nicht tatsächlich konsequent, den Namen Muhammad abzulegen?

Kalisch: Warum?

ZEIT: Als Sie mit 15 Jahren Muslim geworden sind, haben Sie sich wie alle Konvertiten einen islamischen Namen gegeben. Sie wählten Muhammad, als Reverenz an den Propheten. Jetzt bezweifeln Sie dessen historische Existenz. Ein Vorbild kann er also nicht mehr sein.

Kalisch: Meine exakte Position ist: Es kann weder die Existenz noch die Nichtexistenz von Mohammed bewiesen werden, ich tendiere jedoch zur Nichtexistenz.

ZEIT: Aus muslimischer Sicht ist dieser Zweifel ein schweres Sakrileg. Schließlich ist der Prophet für die Muslime derjenige, der Gottes Wort empfangen und den Menschen überbracht hat.

Kalisch: Mohammed war immer eine Projektionsfläche. Schauen Sie sich nur das Mohammed-Bild der liberalen Muslime im Vergleich zu dem der radikalen Islamisten an. In Wirklichkeit geht es nicht um historische Wahrheit, sondern um eine theologische Fiktion. Daher ist auch der Islam ohne historischen Mohammed nicht am Ende.

ZEIT: Es wäre jedoch ein radikaler Bruch mit der bisherigen Lehre.

Kalisch: Richtig, aber wenn man mit der Methodik der Aufklärung an eine Religion herangeht, bleibt sie nicht die gleiche. Das ist dem Judentum ebenso widerfahren wie dem Christentum. Die spannende Frage ist, ob die Muslime sich darauf einlassen – oder ob der Islam in seinen traditionellen Formen erstarrt.

ZEIT: Das klingt anregend. Nun sind Sie aber kein Religionswissenschaftler oder Philosoph, sondern der erste Professor für islamische Theologie in Deutschland, der zudem islamische Religionslehrer ausbilden soll. Darf jemand in Ihrer Position solche Gedanken äußern? Die muslimischen Verbände, die im Beirat Ihres Lehrstuhls sitzen, rufen Nein und wollen Sie loshaben.

Kalisch:Ich würde dagegen sagen, ein Theologieprofessor darf das, und er soll es auch. Ich stelle mich ja nicht hin mit dem Anspruch, absolute Wahrheiten zu verkünden. In meinen Vorlesungen versuche ich außerdem, den Islam in seiner ganzen Breite abzudecken, inklusive der traditionellen Positionen. Darüber hinaus aber halte ich meine Studenten zu einem selbstständigen Denken an. Das ist es, was ein Universitätslehrer leisten soll.Wenn die Theologie nicht auch grundlegende Glaubensinhalte hinterfragen darf, hat sie an einer modernen Universität nichts verloren. Für mich gilt die Freiheit der Forschung auch in Bezug auf die Religion. Wenn die offiziellen Religionsgemeinschaften das nicht akzeptieren können, sollten sie sich aus den Universitäten zurückziehen.

ZEIT: Nun sollte gerade Ihr Lehrstuhl ein leuchtendes Beispiel dafür sein, dass in Deutschland ein Miteinander mit den Muslimen und ihren Vertretern gelingt. Ist es nicht fahrlässig, die Chance aufs Spiel zu setzen?

Kalisch: Ich habe das Tischtuch nicht zerschnitten. Aber gerade nach der harschen Reaktion der muslimischen Verbände stellt sich die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Diese Verbände repräsentieren ja bei Weitem nicht die Mehrheit der Muslime in Deutschland. Ich glaube, die schweigende Mehrheit der Muslime denkt anders.

ZEIT: Die Politik setzt aber darauf, die muslimischen Verbände einzubinden und sie dadurch an die Gesellschaft heranzuführen.

Kalisch: Für die Politik mögen die konservativen Verbände attraktiv sein, weil sie greifbar sind. Viele Politiker haben die Hoffnung, sie könnten sich zu kirchenähnlichen Organisationen entwickeln. Mit ihren derzeitigen Positionen sind die Verbände als Träger des islamischen Religionsunterrichts aber ungeeignet.An der Universität wollen sie die historisch-kritische Forschung ausschließen. Und will man wirklich, dass ganze Generationen von Muslimen von Pädagogen ausgebildet werden, die sich nach dem richten, was die Verbände vorgeben? Diese Verbandsfunktionäre verstehen etwas von Macht. Wenn sie Fuß gefasst haben an den Universitäten, werden sie dort versuchen, autoritäre Strukturen einzurichten.

ZEIT: Die Muslime sagen, sie forderten nur Mitspracherechte, die die christlichen Kirchen haben.

Kalisch: Ich sehe, dass ich etwas anrühre, das nicht nur die Muslime betrifft: den Einfluss der Kirchen auf Forschung und Lehre. Ich glaube deshalb nicht, dass meine Position auf christlicher Seite viel Beifall findet. Für den Islam liegt in einer Trennung zwischen Wissenschaft und Orthodoxie die Chance, den Anschluss an die Moderne zu finden und sich über die Probleme, wie sie hier in Deutschland in den christlichen Fakultäten liegen, hinwegzusetzen. Wir Muslime müssen ja nicht den christlichen Fehler des »nihil obstat« wiederholen.

ZEIT: Als Sie vor drei Jahren mit Ihrer Arbeit in Münster begannen, hatten Sie nichts gegen die Zusammenarbeit mit den Verbänden und bezeichneten sie als ein »Scharnier in die Praxis«.

Kalisch:Ich bin davon ausgegangen, dass sie die wissenschaftliche Freiheit akzeptieren. Die konservativen Verbände haben sich in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren ja durchaus der deutschen Gesellschaft gegenüber geöffnet. Ich hatte geglaubt, restliche Schritte würden folgen. Dass sie etwa eine klarere Position beziehen, was ihre Verfassungstreue angeht. Das ist nicht geschehen. Vielleicht war mein Optimismus ein wenig naiv.

ZEIT: Nun sollen die Muslime in Ihrem Fall nicht die Verfassung akzeptieren, sondern die These, dass ihr Prophet Mohammed nie gelebt hat.

Kalisch: Ich habe mit meiner extremen These den Verbänden natürlich eine Steilvorlage geliefert. Aber was soll ich machen? Ich kann und will nicht heucheln. Bereits meine Berufsbezeichnung »Professor« verpflichtet mich zur Stellungnahme, denn sie stammt von profiteri, was »bekennen« heißt.

ZEIT: Was führte Sie denn zu Ihren Zweifeln?

Kalisch: Das war ein langer Prozess. Die islamische Überlieferung zum Leben Mohammeds habe ich schon immer mit großer Skepsis betrachtet. Die Existenz Mohammeds und Eckdaten seines Lebens habe ich aber lange Zeit als Tatsache hingenommen. Nach langer Auseinandersetzung mit der historisch-kritischen Methode in Bezug auf das Alte und Neue Testament habe ich mich in jüngster Zeit erneut mit dem Frühislam beschäftigt, und es entstanden bei mir viele neue Fragen, und ich erkannte Probleme, die ich vorher nicht sah. Die genaue Argumentation werde ich in den nächsten Tagen in einem Aufsatz im Internet veröffentlichen, und im nächsten Jahr wird ein Buch folgen.

ZEIT: Können Sie einige Beispiele nennen?

Kalisch: Warum zum Beispiel wird in den außerislamischen Quellen der Zeit die neue Religion Islam praktisch nicht erwähnt? Wieso dauerte es bis ins Jahr 66 der islamischen Zeitrechnung, bis man das erste Mal das Bekenntnis auf einer Münze gedruckt findet: Mohammed ist der Gesandte Gottes? Warum setzt ein islamischer Herrscher vor eine von ihm angebrachte Inschrift ein Kreuz? Es existiert eine große Differenz zwischen der Darstellung in den islamischen Quellen und dem, was wir in archäologischen Zeugnissen und nichtislamischen Quellen finden.

ZEIT: Aber es gibt doch viele Texte, welche die Zeit genau beschreiben?

Kalisch: Leider wurden die muslimischen Quellen alle später geschrieben und stehen unter dem Verdacht, eine Wirklichkeit im Nachhinein konstruiert zu haben. Es gibt kaum Originalquellen aus den ersten beiden islamischen Jahrhunderten, und dort, wo es sie gibt, stellt sich die Frage nach der Authentizität. Außerdem weisen die islamischen Quellen viele Ungereimtheiten auf.

ZEIT: Wie also erklären Sie die Entstehung des Islams, wenn es den Religionsstifter nicht gab?

Kalisch: Eine neue Religion kann als Abspaltung aus einer älteren Religion entstehen, und bei einem solchen Prozess braucht es nicht unbedingt eine ausschlaggebende Gründungsfigur. Auch politische Elemente können eine Rolle gespielt haben.

ZEIT: Inwiefern?

Kalisch: Nach einer insbesondere auf archäologische Daten zurückgehenden Theorie haben sich im 7. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung Araber von Iran und Byzanz emanzipiert und ein eigenes Reich aufgebaut. Diese Araber waren Christen, und es kann auch politische Gründe gehabt haben, dass aus einer arabischen Variante des Christentums zur ideologischen Stützung eines neuen Reiches sich langsam eine neue Religion entwickelte.

ZEIT: Das hieße, der Koran war ursprünglich ein christlicher Text?

Kalisch: Die Entstehungsgeschichte des Korans wird sehr kontrovers diskutiert, und ich halte es für gut möglich, dass der Koran zumindest teilweise ein ursprünglich christlicher Text ist.

ZEIT: Sicher sind Sie sich jedoch nicht?

Kalisch: Sicher bin ich mir nur, dass die islamische Geschichtsschreibung Heilsgeschichte ist, die gar nichts oder kaum etwas mit der wirklichen historischen Entwicklung zu tun hat, und dass die Geschichtlichkeit Mohammeds zweifelhaft ist. Ansonsten habe ich viele offene Fragen und verfolge mit großem Interesse alle Forschungsansätze.

ZEIT: Was bleibt ohne Mohammed vom Islam?

Kalisch: Es bleibt der Koran als ein interessanter spiritueller Text, mit dem man weiterhin Theologie betreiben kann. Ich halte jedoch nichts mehr von der Vorstellung, dass Gott diesen Text direkt formuliert hat. Weiterhin bleibt der Islam als religiöse Lebensform und als eine geistige Tradition, die aber schon in der Geschichte immer vielfältige Ausprägungen hatte. Jeder Mensch muss durch seine eigene Vernunft entscheiden, was er aus der Tradition übernehmen möchte. So erziehe ich auch meine Kinder. Die Idee eines einheitlichen Islams ist eine Fiktion, die sowohl die religiösen Fundamentalisten als auch die Islamfeinde pflegen.

ZEIT: Verstehen Sie sich weiterhin als Muslim?

Kalisch: Ja, ich begreife Religion als eine spirituelle Tradition, die einem vieles geben kann, aber auch immer wieder angesichts neuer Erkenntnisse kritisch hinterfragt werden muss. Religionen sind wie Krücken. Sie sind nützlich und gut, aber man muss lernen, sich von ihnen zu emanzipieren.

ZEIT: Was wird aus Ihrer Professur?

Kalisch: Ich fühle mich wohl in Münster und von der Universität gut unterstützt. Ich könnte mir vorstellen, dass mein Lehrstuhl außerhalb der Lehrerausbildung zu einer Art Stützpunkt für liberale Muslime wird.

LINKS:

Artikel 5 Grundgesetz

Sven Kalisch unbedingt lesen!

31.12.2004 Zeit: In heikler Mission

Interview mit der FAZ

  1. „Ich bin ein Häretiker“, Rheinischer Merkur am 16. Oktober 2008
  2. Interview: „Vieles passt nicht zusammen“ Von Hartmut Kistenfeger, Focus, 22. September 2008, S. 70ff.
  3. Radio Vatikan: Moslems kündigen Theologie-Professor, 6. September 2008
  4. Islamkunde-Professor Kalisch – Mohammed-Leugner fürchtet um sein Leben Welt online, 21. September 2008
  5. Zentralrat der Muslime in Deutschland: Muslime distanzieren sich vom Münsteraner „Islam“-Lehrstuhl, 5. September 2008
  6. Streitfall Mohammed: Experten stellen sich hinter Islam-Professor Von Andrea Brandt, Der Spiegel, 22. September 2008, S. 38.
  7. Solidaritätserklärung mit dem Lehr- und Forschungsauftrag von Professor Dr. Muhammad Sven Kalisch
  8. Ralf Heimann: „Münster: Streit um Islamprofessor droht zu eskalieren“ In: Münstersche Zeitung vom 5. März 2009
  9. Karin Völkner: „Islam-Studenten wollen gehen“ In: Ibbenbürener Volkszeitung vom 6. März 2009
  10. Arnfrid Schenk, Martin Spiewak: Religionen sind wie Krücken. Interview mit Muhammad Kalisch. Zeit Online, 1. Oktober 2008, abgerufen am 27. Mai 2009.
  11. Uni Münster: Spendengeld und schwarze Kassen Von Hermann Horstkotte, Frankfurter Rundschau, 30. November 2009
  12. Wissenschaftlerin soll 100.000 Euro veruntreut haben Ralf Heimann, Münstersche Zeitung, 31. Juli 2008
  13. „Die Zeit“ 21/2010 vom 20. Mai 2010
  14. „Welt online“ vom 20. Juli 2010
  15. http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/Webmaster/GB_I/I.1/aktuelle_drucksachen/aktuelle_Dokumente.jsp?wp=14&docTyp=0&datumsart=eq&von=18.03.2010&bis=&searchDru=suchen
  16. Umstrittener Islamwissenschaftler kein Moslem mehr Westfälische Nachrichten, 21. April 2010
  17. Uni Münster Presseerklärung 13. Juli 2010

 

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2008 Prof Tilman Nagel über die Figur des Mohammed anhand der islamischen Quellen

Proefssor Tilman Nagel

Proefssor Tilman Nagel

Prof. Nagel ist Islamwissenschaftler, vergleichender Religionswissenschaftler und Zentralasienkundler. Er arbeitete am Seminar für Orientalische Sprachen an der Universität Bonn und als Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an der Universität Göttingen. Nagel hat wichtige Standardwerke der Islamwissenschaft verfasst. Sein summum opus ist die im Jahre 2008 erschienene, über 1000 Seiten umfassende Biographie Mohammeds.

Nagel hat die islamischen Quellen studiert und in den nachfolgenden Interviews seine Sichtweise auf die Figur des Mohammed erklärt. Das Problem an Nagels Forschungsergebnissen ist, dass sie rein auf innerislamischen Quellen beruhen. Deshalb zweifelt er die Existenz von Mohammed nicht an. Allerdings kommt Nagel zu dem Schluss, dass Mohammed alles andere als ein verehrungswürdiger Prophet war.

Das Geo-Kompakt-Interview ist unter der ursprünglichen Webadresse nicht mehr online: http://www.geo.de/GEO/kultur/gesellschaft/58180.html. Man kann dort “Mohammed ging es immer auch um Macht”. Wir haben das Interview von irrglaube.parlaris übernommen. Es stammt vom Oktober 2008:

GEOkompakt: Herr Professor Nagel, was für ein Mensch war der Prophet Mohammed?

Tilman Nagel: Ganz deutlich an ihm war seine überragende Willenskraft: Er hat sich niemals in Kompromisse verwickeln lassen und selbst scheinbar aussichtslose Situationen für sich und seine Anhänger entschieden. Ohne diese Standhaftigkeit hätten die ersten Muslime wohl kaum die Wirren des Anfangs überlebt. Sie hatte aber auch negative Seiten: Egoismus. Halsstarrigkeit. Die Unfähigkeit, Fehler einzugestehen.

Von islamischen Gelehrten wird Mohammed als gutmütiger Kämpfer für Gleichheit und Gerechtigkeit dargestellt.

Das ist unredlich. Nach Mohammeds Tod wollten Muslime in seinem Lebensweg unbedingt das Prophetentum erkennen. Es entstand eine idealisierte Biografie, frei von allen Widersprüchen. Mohammed galt nun als Übermensch; als göttlicher Gesandter, erwählt von Allah, um durch den Koran eine ewig gültige Botschaft zu offenbaren. So wurde ihm der Schleier des Übergeschichtlichen übergeworfen. Leider hat die islamische Gelehrtenwelt diesen Schleier bis heute nicht entfernt.

Und die westliche Forschung?

Die hat sich auf das andere Extrem hinbewegt. Seit den späten 1970er Jahren hieß es: “Die historische Figur Mohammed ist eine Fiktion; der Koran ist über Jahrhunderte hinweg von anonymen Schreibern verfasst und redigiert worden.” Einige Islamwissenschaftler halten die muslimische Urgemeinde sogar für eine christlich-syrische Sekte.

Ist da etwas dran?

Nein. Von allen Weltreligionen ist keine historisch so gut ausgeleuchtet wie der Islam. Es gibt eine Vielzahl an Quellen: die frühen Prophetenbiografien, vor allem die des arabischen Historikers Ibn Ishaq aus dem 8. Jahrhundert; die Überlieferungen der Aussagen Mohammeds; und natürlich den Koran. Ein Buch, in dem sich spiegelt, welche Entwicklung sein Denken und Wirken genommen hat.

Man kann nun alle diese Texte “übereinanderlegen”. Kann die verschiedenen Versionen vergleichen und so aus der späteren Überarbeitung die historischen Tatsachen herauspräparieren. Kann weitere frühe muslimische Quellen hinzuziehen, mit Informationen etwa zu Stammeskoalitionen, zu Mohammeds Feldzügen und – ganz wichtig – zur Entstehungszeit der Suren im Koran; heute sind die ja einfach der Länge nach angeordnet. Das alles habe ich in den vergangenen 15 Jahren getan. Und ich denke, daraus ergibt sich ein recht genaues Bild der Lebensweisen und Glaubensüberzeugungen auf der arabischen Halbinsel im 7. Jahrhundert. Ein Bild, in das Mohammed als “Produkt” seiner Zeit hineingehört – aus dem er als historisch einzigartige Figur aber auch herausragt.


Erzählen Sie.

Die Geschichte des Islam beginnt schon fünf Generationen vor Mohammed, um das Jahr 500. Damals besiedelte sein Stamm, die Quraischiten, das Heiligtum Mekka – einen von zahlreichen Wallfahrtsorten des alten Arabien. In Mekka fehlten natürliche Ressourcen. Deshalb mussten die Quraischiten von der Heiligkeit Mekkas und ihrer Anziehungskraft auf die Menschen leben. Sie bestimmten sich selbst zu “Obmännern” des Hauses Abraham: zu Hütern der einst vom legendären biblischen Stammvater gestifteten Ordnung. Abraham galt ihnen nämlich als Ahnherr aller arabischen Clans – und zwar über seinen Sohn Ismael, der angeblich in Mekka gesiedelt hatte.

Als “Beweis” für ihre eigene, herausgehobene Stellung deuteten die Quraischiten nun ein kleines, dachloses Gebäude aus unverputzten Steinen, verhüllt mit schweren Tüchern: die Kaaba. Sie soll einst von Abraham und Ismael errichtet worden sein. Die Kaaba lag im Zentrum Mekkas. Zu ihr strömten während der heiligen Monate die Pilger und verehrten die Kultbilder ihrer Götter: etwa des syrischen Mondgottes Hubal. Und sie verehrten den übergeordneten Schöpfergott Allah; alilah bedeutet einfach nur “der Gott”.

Man sollte sich von der Vorstellung lösen, der Islam sei an einem mythischen Ort irgendwo in der Wüste entstanden. Mekka war [eingebunden] in die Stammeskonflikte und politischen Ereignisse auf der arabischen Halbinsel; die “Weltoffenheit” spiegelte sich in der Vielzahl der verehrten Gottheiten. Diese Götter – und die damit verbundenen Riten – bildeten das Geschäftsmodell der Quraischiten. Mohammeds Großvater zum Beispiel kümmerte sich um die Speisung der Wallfahrer; ein gewichtiges Amt, aus dem sich für den Enkel eine gewisse religiöse Prägung ergeben haben mag.


Aber ist Mohammed denn nicht, wie manche Biografen behaupten, in großer Armut bei Beduinen aufgewachsen?

Das ist auch so eine spätere Verklärung. Mohammed hatte zwar das Pech, dass sein Vater starb, noch ehe er (wohl im März des Jahres 569) zur Welt kam. Und es stimmt, er wuchs in der Wüste auf. Das lag aber an den Familiengesetzen seiner Zeit: Eine verheiratete Frau blieb bei ihrer Sippe, der Ehemann besuchte sie, und sie praktizierten eine Art gekauften Geschlechtsverkehrs.

Nun kam Mohammeds Mutter aber aus einem fremden Stamm. Deshalb haben die Quraischiten den Knaben einer beduinischen Amme übergeben – sie wollten ihn aus dem anderen Stamm lösen und für sich selbst reklamieren. Er kam dann später zu seinem Onkel, einem Karawanenhändler. So stand er in enger Verbindung zu den besten Sippen Mekkas. Bis er nicht mehr tragbar war.

Wegen seiner neuen, unerhörten Lehre von der vollkommenen Unterwerfung unter den Willen Allahs.

Vor allem wegen ihrer radikalen Konsequenzen. Den Glauben an den einen Gott Allah zu predigen hieß, an den ökonomischen Grundlagen des eigenen Clans zu rütteln: ohne Götter keine Wallfahrer, ohne Wallfahrer keine Einnahmen. Mohammed warb ja auch in anderen Kultorten nahe Mekka für seine Botschaft. Das war ein Tabubruch, nein: eine Revolution! Denn dort hatten Quraischiten nichts zu suchen. So geriet nicht nur die Existenz Mekkas, sondern das ganze fein austarierte System der Stammesbündnisse in Gefahr.

Was genau predigte Mohammed? Woher kamen seine Ideen?

Man kann drei Entwicklungsstufen seines Denkens unterscheiden. Der Anfang war recht konventionell. Mohammed gehörte in Mekka zunächst dem Bund der “Strengen” an, einer Art Männergemeinschaft, die sich darum kümmerte, dass die Pilger saubere Kleidung trugen, wenn sie zur Kaaba kamen. Daraus erwuchs eine frömmlerische Emphase der Reinheit: Mohammed übertrug die Ideen der “Strengen” auf alle Lebenssituationen – auf die physische Befreiung vom Schmutz wie auf die innere Läuterung.

Der nächste Denkschritt war der entscheidende: Mohammed identifizierte den altbekannten Hochgott Allah als alleinigen Schöpfer und ständigen Erhalter des Diesseits. Auch dafür gab es Vorbilder. Er kannte ganz bestimmt die “Hanifen”, eine Bewegung frommer arabischer Prediger mit monotheistischer Botschaft. Wenn man so will, wurde er nun ein “Hanif”. Und zwar als “Gesandter Allahs”: Er verkündete, nur diesem einen Gott sollten künftig die Wallfahrtsriten an der Kaaba gelten. In dieser Forderung zeigt sich die ganze Radikalität seines Denkens.

Noch später trat er als Prophet auf, der die Araber die “wahre” Form des Eingottglaubens lehrte und ihnen die von Allah gestifteten Regeln für die Ordnung des Lebens mitteilte. Indem Mohammed Juden- und Christentum als Entartungen zurückwies, gab er sich als Wiederholer des Stammvaters Abraham aus. Ganz wichtig dabei: die Fortführung des Tieropfers. Abraham hatte es praktiziert; die Juden schafften es ab, die Christen sublimierten es im Brot-und-Wein-Ritus [Anmerkung: Bei den Christen gibt es kein Tieropfer! Und die Eucharistiefeier stellt auch kein Menschenopfer dar!]; und nun kam da ein Prophet und stellte die alte göttliche Ordnung wieder her!

Mohammed griff recht oft auf die anderen Hochreligionen zurück: Die scheinbar typisch muslimische Niederwerfung beim Gebet etwa kannte er wohl von orientalischen Christen. [Anmerkung: Christen werfen sich nicht beim Gebet nieder! Sie stehen oder knien beim Gebet - sie treten vor das Angesicht Gottes und unterwerfen sich nicht - das gilt auch für orientalische Christen! Nur bei der Priesterweihe legt man sich auf den Boden! ]

All das klingt so, als wäre er ein nicht sehr origineller spiritueller Bastler gewesen.

Es stimmt: Mohammed fügte heidnisch-arabische und monotheistische Glaubensinhalte zusammen. Aber dabei radikalisierte er sie auch mit ungeheurer Konsequenz. Seine Idee eines Schöpfers, der ununterbrochen tätig ist und alles durchdringt, deckt sich keineswegs mit der christlichen Sicht, die ja Gott eine gewisse Distanz zu seinem Werk zubilligt. Als Muslim müssen Sie ständig vor diesen Allah treten, müssen ihm dauernd in ritueller Reinheit für alles danken. Da kann man schon sagen, dass der Islam über einen theologischen Inhalt verfügt, der zu keiner anderen Religion in Beziehung steht.

Hat Mohammed das alles geglaubt?

Man kann sich natürlich fragen, warum jemand in einem 23-jährigen Prozess der Verkündigung immer neue Gottesbotschaften in die Welt bringt und dafür seine Stellung und die seiner Heimatstadt aufs Spiel setzt. Solche Dinge sind für den Historiker aber nur schwer zu erfassen; da kommen Sie in den Bereich des Glaubens. Wir müssen uns damit zufriedengeben, dass Mohammed sich offenbar von Allah angesprochen fühlte: Wenn man die frühen Zeugnisse seiner Anhänger liest, gewinnt man den Eindruck, er sei subjektiv ehrlich gewesen.

Hat er denn den einen Moment der Berufung erlebt, wie die Muslime glauben?

Wohl eher nicht. Es gibt dazu viele Überlieferungen, die sich zum Teil widersprechen. Eines aber steht fest: Mohammed hat an Epilepsie gelitten. Sein erster Biograf Ibn Ishaq verknüpft dieses Leiden mit dem Prophetentum: Während eines Anfalls sei der Erzengel Gabriel erschienen und habe den Kranken gezwungen, die ihm gerade übermittelten Worte zu rezitieren.

Ibn Ishaqs Werk ist aber auch in anderen Versionen erhalten. Darin heißt es: Immer wenn die Krankheit Mohammed überwältigte, schickte seine Ehefrau nach einem alten Weib, das ihn durch das Knüpfen eines magischen Knotens behandelte. Eines Tages sagte Mohammed: “Ich nehme meine Zuflucht beim Herrn des Frühlichts vor dem Übel der Knotenbläserinnen.” [Anmerkung: auch heute noch gehören magische Rituale, zum Beispiel zur Magieauflösung, zu den Aufgaben von islamischen Hodschas]

Wollen Sie damit sagen, dass Mohammed seine Krankheit in ein religiöses Erweckungserlebnis umdeutete?

Für einen Muslim ist diese Vorstellung natürlich kaum erträglich – weil dann Mohammed selbst und eben nicht Allah bestimmt hätte, wann die Offenbarung einsetzte. Und die islamischen Gelehrten haben sie ja auch ausgemerzt; sie spielt keine Rolle mehr. Aber für mich als Historiker spricht einiges dafür.

Es scheint kaum verständlich: Weshalb haben so viele Mekkaner für einen Epileptiker mit gefährlicher Botschaft ihre Existenz aufs Spiel gesetzt?

Am Anfang waren da nur wenige Anhänger. Mohammed stellte sich während der Wallfahrtszeiten in die Nähe der Kaaba und trug seine Botschaft vor. Er faszinierte damit vor allem junge Menschen.

Weshalb ihm das gelang? Weil er einen speziellen Vortragsstil entwickelte: den der Reimprosa – vielleicht die bedeutendste Leistung seines Lebens. Sie ist einem Außenstehenden schwer zu vermitteln. Denken Sie an die Kassetten mit Koranrezitationen, die es heute überall zu kaufen gibt: an diesen ungeheuer artistischen Umgang mit Sprache – so ähnlich wird es in den Straßen von Mekka geklungen haben: Da trägt jemand einen Text vor, macht mitten im Vers Schluss, setzt neu an, steigert die Emotionen… ein ständiges Auf und Ab der Gefühle. Bald hieß es: Er verwirrt unserer Jugend den Verstand!

Und so, nach all den Provokationen, konnten sich Mohammed und seine Anhänger in Mekka nicht mehr halten?

Ja, sie gingen in eine Wüstenoase, Hunderte Kilometer entfernt – nach Medina. Dieses Ereignis markiert den Beginn der islamischen Zeitrechnung.

In der idealisierten Mohammed-Biografie bildet diese Aussiedlung den Schlüsselpunkt – die Gemeinde von Medina gilt als Urbild aller muslimischen Staatswesen. In Wahrheit war es eher ein Unfall: Mohammed musste fliehen. In Medina nahmen ihn Verwandte auf. Es dauerte viele Jahre, den Islam in Medina zu verbreiten und Mekka zu erobern. Denn das wollte Mohammed unbedingt: zur Kaaba zurückkehren.

Weshalb?

Er hatte zwei Ziele: die Neugestaltung der Pilgerriten im Sinne des Eingottglaubens und die Machtübernahme über die Quraischiten, seinen Clan.

Entstand deshalb die Idee, das Glaubensbekenntnis kriegerisch zu verbreiten – die Idee des Dschihad?

Damit hing es zusammen. “Dschihad” bedeutete zunächst die kriegerische Anstrengung der nach Medina Vertriebenen im Kampf gegen Mekka. Später wurde daraus die Teilnahme an Feldzügen gegen die Ungläubigen. Es begann damit, dass Mohammed die Stadt Medina als Rückzugsraum nutzte, um die Karawanen seiner Feinde zu attackieren. Durch geschicktes Taktieren konnte er nach und nach alle Stämme in Medina auf seine Seite bringen. Unter anderem, indem er viele der dort ansässigen Juden massakrieren ließ – er bezichtigte sie, gegen ihn zu arbeiten. All das war recht perfide.

Dennoch überrascht, wie schnell er triumphieren konnte.

Er hat einfach Glück gehabt. Dazu gehörte auch die Unentschlossenheit der gegnerischen Führung, der Zusammenbruch ihrer Stammeskoalition. Im Januar 630, nach acht Jahren in Medina, marschierte Mohammed in Mekka ein und zerstörte die Kultbilder aller anderen Gottheiten – er brach einfach einen Waffenstillstand, den er zuvor geschlossen hatte. In der Folge unterwarfen sich zahlreiche Stämme aus ganz Arabien seiner Macht. Kurze Zeit später, im Jahr 632, ist er schließlich gestorben.

Herr Nagel, war der Islam Mohammeds eine Religion des Krieges?

Natürlich. Der Islam hat eindeutig als kriegerische Bewegung die Bühne der Weltgeschichte betreten. Mohammeds Wirklichkeit war eben die Stammesgesellschaft. Und daraus erwuchs der große Widerspruch seines Lebens: Der Koran verkündet eine allgemein menschliche, universalreligiöse Botschaft – aber in der Praxis kämpfte Mohammed um Einfluss für sich und seine Sippe.

Für die vielen armen, rechtlosen Bewohner Mekkas, die mit ihm sympathisierten, hat er sich kaum interessiert. Alles, was Mohammed tat, war mit dem Aspekt von Herrschaft verknüpft. Ihm ging es immer auch um Macht.

Das ist alles sehr desillusionierend.

Welche Illusionen hatten Sie denn?

Dass vielleicht Mohammeds Urgemeinde als Ideal gelten könnte – für einen demokratischen, freiheitlichen Islam. Als ein Ideal, auf das sich heutige Muslime besinnen könnten.

Aber genau diese Auffassung ist ja das Problem! Das Ideal zu Lebzeiten Mohammeds war Folgendes: Er sei als Politiker und Heerführer in jeder einzelnen Handlung gottgeleitet gewesen. Nach seinem Tod fragten sich die frühen Muslime: Und jetzt? Wie können wir diesem Anspruch noch genügen? So entstand, was ich den “Mohammedglauben” nenne – die Gelehrten übernahmen die Macht über die Biografie des Propheten. Sie legten Regeln für das Zusammenleben fest, eine juristische Ordnung…

…die Scharia…

und begründeten alles mit Mohammeds angeblichen Worten und Taten: mit dem “Ideal” einer medinensischen Urgemeinde. Bis heute trägt der sunnitische Mehrheitsislam, die erfolgreichste theokratische Herrschaftsform aller Zeiten, an dieser Last: Er holt sich aus Mohammeds Vita keine Anregungen, sondern Anweisungen. Man sollte aber endlich einsehen, dass sich moderne Institutionen nicht mit 1400 Jahre alten Vorgängen legitimieren lassen.

Gibt es keinen Ausweg aus diesem Dilemma?

Manche Gelehrte haben gesagt: “Es hat Allah gefallen, seine Botschaft zu einer bestimmten Zeit herabzusenden. Jetzt leben wir aber in einer anderen Zeit. Wir müssen zusehen, dass wir diese Botschaft für unsere Gegenwart fruchtbar machen – eine Botschaft, die jeder vernünftige Mensch auch ohne Bezug auf Mohammed als wahr erkennen kann.” Das ist der islamische Rationalismus – leider war er schon im späten 10. Jahrhundert erledigt.

Und von den Abertausenden muslimischen Gelehrten heute knüpft niemand mehr daran an?

Nur ganz wenige versuchen so etwas. Eine solche Auffassung können Sie in vielen Ländern der islamischen Welt schlichtweg nicht vertreten. Weil die Gelehrten dort genau wissen, dass sie damit an dem Ast sägen würden, auf dem sie sitzen.

Falls die Theologen Ihre Forschungen, Herr Professor Nagel, wahrnehmen…

…ach, dann werden die sicherlich entsetzt sein. Schade. Denn meine historisch-kritische Methode verträgt sich gut mit dem islamischen Rationalismus. Zu dessen Einsichten müsste man zurückfinden – müsste das Leben des Mohammed “nur” als Mahnung sehen, sich über eine gottgefällige Regelung des Diesseits mit Hinführung zu einem glücklichen Jenseits Gedanken zu machen.

Das wäre ein radikaler Neuanfang, gewiss. Aber war nicht auch Mohammeds Botschaft in seiner Zeit, für seine Mitmenschen etwas unerhört Neues?

Mohammed - der Mann ohne Gesicht - hier vor der Kaaba

Mohammed – der Mann ohne Gesicht – hier vor der Kaaba – türkische Malerei 16. Jahrhundert

Ein weiteres Interview beim Kölner Stadtanzeiger: Tilman Nagel “Islam-Forschung – Das Bild Mohammeds ist ein Konstrukt“ 18.11.2008

Der Göttinger Gelehrte Tilman Nagel spricht im Interview über die Aussagekraft der historischen Quellen des Islams und plädiert für eine zeitgemäßere Auslegung der Schriften. Er wirft den Islamverbänden vor, in unserer Gesellschaft nicht angekommen zu sein.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Nagel, immer wieder werden Zweifel laut an der Existenz des Propheten Mohammed. Gab es ihn denn nun, oder gab es ihn nicht?

TILMAN NAGEL: Es gab ihn, das ist völlig klar. Den meisten, die das bestreiten, geht es weniger um die Gestalt Mohammeds als um theologische Auseinandersetzungen im frühen Christentum. Es gab dort eine Strömung, die Jesus Christus nicht als Sohn Gottes anerkannte, sondern lediglich als „Gesandten“ oder „Knecht Gottes“. Diese von der Großkirche bekämpfte Position, so sagen Kirchenkritiker, habe sich auf dunklen Wegen in der Frühgeschichte des Islam Bahn gebrochen. Und der besagte Knecht-Gottes-Titel für Jesus sei im islamischen Schrifttum zum Eigennamen Mohammed geworden.

Der Islamwissenschaftler Sven Muhammad Kalisch von der Uni Münster darf keine muslimischen Religionslehrer mehr ausbilden, weil er die Existenz Mohammeds verneint.

NAGEL: Kalisch gibt zu bedenken, dass Mohammed möglicherweise nicht gelebt hat oder dass sein Leben zumindest nicht den Vorstellungen entspricht, die sich der fromme Muslim heute gemeinhin davon macht. Letzteres sollte völlig unstrittig sein. Und obwohl ich Kalischs Skepsis in Bezug auf die Existenz Mohammeds nicht teile, so glaube ich trotzdem, dass ein angehender muslimischer Religionslehrer diese Debatte kennen sollte.

Der Koordinationsrat der Muslime war anderer Meinung und hat beim NRW-Wissenschaftsministerium gegen Kalisch protestiert.

NAGEL: Ich halte das für vollkommen unangemessen und außerordentlich töricht. Aber mindestens ebenso töricht ist, dass das Ministerium dem Protest nachgegeben hat. Zwar sind auch an den christlich-katholischen Fakultäten Fälle bekannt, in denen einzelnen Kollegen die Lehrerlaubnis entzogen worden ist. Aber das ist nicht einfach auf die Intervention von Funktionären hin geschehen. Vielmehr liefen lange, rechtlich geordnete Verfahren ab, in denen die Betroffenen auch die Möglichkeit hatten, sich zu verteidigen. Das alles hat es im Fall Kalisch nicht gegeben. Das Ganze zeigt für mich, dass die muslimischen Verbände überhaupt nicht in unserer Gesellschaft angekommen sind.

Was macht Sie so sicher, dass die Quellen zu Mohammed sich auf eine historische Figur beziehen und eben keine fromme Fiktion sind?

NAGEL: Es gibt zu Mohammed außerordentlich umfangreiche, voneinander unabhängige zeitgenössische Quellen – viel mehr als etwa über Jesus. Wären sie alle Fiktion, hätte es zur damaligen Zeit eine Art „Reichsschrifttumkammer“ geben müssen, die alle Quellen gemäß dieser Fiktion frisiert hätte. Eine absurde Vorstellung! Wenn Sie die Existenz Mohammeds aufgrund der Quellenlage bezweifeln wollten, müssten Sie dasselbe mit Blick auf Caesar, Karl den Großen oder jede andere historische Figur tun.

Was unterscheidet den historischen Mohammed am deutlichsten vom Mohammed der islamischen Überlieferung?

NAGEL: Der Islam will Mohammed als den Verkünder der wörtlichen Rede Gottes sehen. Das hat natürlich Konsequenzen: Man muss dann den genauen Zeitpunkt angeben, von dem an Mohammed berufen war; von allem, was er danach gesagt haben soll, muss nachgewiesen werden, dass es unmittelbar auf Gott zurückgeht. Sie merken schon, das bringt erhebliche Zwänge für die Gestaltung der Propheten-Vita mit sich. Fragt man frei von diesen Zwängen nach der Entstehungsgeschichte des Islams, kann man auch die Quellen von einer ganz anderen Warte aus lesen.

Wie zum Beispiel?

NAGEL: Die traditionelle Vita Mohammeds behauptet, er habe kurz vor der Auswanderung von Mekka nach Medina im Jahr 622 von Allah selbst die Erlaubnis zum Kämpfen erhalten. Die dazu angeführten Stellen aus dem Koran passen aber nicht dazu, denn sie sind erst entstanden, als Mohammed längst in Medina angekommen war. Aus weiteren Quellen ergibt sich, dass Mohammeds Stellung in Medina – er genoss dort eine Art Fremdenschutz – es gar nicht zugelassen hätte, Kämpfe anzuzetteln. Kurz und gut: Hier wurde eine religiöse Rechtfertigung für ein späteres aggressives, kriegerisches Handeln in eine frühe Phase der Biografie Mohammeds hineinkonstruiert.

Das Motiv des Kampfes oder noch allgemeiner, der Gewalt, ist demnach der Gründungsgeschichte des Islam immanent?

NAGEL: Ja, entsprechend dem Denkstil und den Verhaltensnormen der damaligen Zeit.

Lässt sich heute von diesem Grundmotiv der Gewalt im Islam absehen?

NAGEL: Wenn Sie zur Voraussetzung machen, dass Mohammeds Leben Richtschnur der Muslime für alle Zeiten sein soll – dann nicht. Aber es gab im Islam selbst einen rationalistischen Ansatz, der sagt: Was für das Leben Mohammeds und für seine Zeit galt, muss für spätere Generationen nicht in identischer Weise gelten. Dieser Gedanke wurde im 9. Jahrhundert entwickelt, aber schon im 11. Jahrhundert verworfen zugunsten einer „überzeitlichen“ Betrachtung des Korans und der Umstände, unter denen er entstand.

Ist eine rationalistische Renaissance im Islam möglich?

NAGEL: Möglich ja, aber ich sehe sie nicht. Der aktuelle Streit um das Buch „Aisha – Das Juwel von Medina“ von Sherry Jones über Mohammeds Frau ist insofern ein Indiz für meine Skepsis, als es ja offenbar Islamwissenschaftler waren, die in einer vorauseilenden Angst vor irgendwelchen Mullahs davor gewarnt haben, dieses Buch, das ich inhaltlich gar nicht kenne, zu publizieren. Das halte ich für abwegig. Aber so ist es um den Mainstream der Islamwissenschaft heute bestellt.

In Köln werden Sie am Mittwoch über die Bedeutung des Christentums für die Entstehung des Islams sprechen. Worin liegt diese Bedeutung?

NAGEL: Der Islam entsteht nicht losgelöst von den Entwicklungen der christlichen Hochreligion. Zum Beispiel ist das Tieropfer im Islam eine indirekte Bezugnahme: Das Christentum des 6. Jahrhunderts feierte mit der Abschaffung des Tieropfers die endgültige Überwindung des Heidentums. In den christlichen Mosaiken von Ravenna ist die Sublimierung des Opfers ein zentrales Thema. Der entstehende Islam nimmt darauf indirekt Bezug: Er etabliert die vom Christentum abgelehnte altjüdische Kultpraxis des Tieropfers neu und versteht sich damit als Vollstrecker des ursprünglichen göttlichen Willens.

Religionsgeschichtlich nimmt der Islam mit dem Tieropfer also ein vorliegendes Motiv auf und verpflanzt es in einen neuen Kontext?

NAGEL: Sie dürfen sich Arabien im 6. / 7. Jahrhundert nicht als ein Vakuum vorstellen, das dann vom Islam gefüllt worden wäre. Vielmehr gab es dort einen großen Reichtum religiöser Strömungen, speziell eben christlicher. Viele religiöse Begriffe im Koran sind nicht etwa von Mohammed erfunden, sondern von ihm übernommen worden.

Das Gespräch führte Joachim Frank

Das 3. Interview stammt von DiePresse.com vom 15.11.2009: Islamwissenschaftler Nagel: “Islamophobie zulassen”

Der Professor für Arabistik und Islamwissenschaft Tilman Nagel erklärt im Interview mit der “Presse”, warum Mohammed wirklich gelebt hat und das Verbot von “Islamophobie” die Menschenrechte pervertiert.

„Die Presse“: Die westlichen Islam-Debatten kreisen immer wieder um zwei Begriffe: Friedfertigkeit und Toleranz. Besteht die Möglichkeit, den Islam als friedfertige Religion zu interpretieren?

Tilman Nagel: Auf Gewaltfreiheit ist der Islam nicht ausgerichtet, der Koran empfiehlt den Einsatz von gewalttätigen Mitteln in bestimmten Situationen. Die Standardabschwächung dieses Vorwurfs ist heute, dass der Islam immer nur Verteidigungskriege geführt habe, auch bei der Ausdehnung bis nach Andalusien, weil die Aufforderung, das Christentum anzunehmen, einen Affront gegen Allah darstelle. Als außerhalb des Islams Stehender kann man das natürlich nicht annehmen.

Wie kommt es zur Unterteilung der Welt in Gläubige und das „Haus des Krieges“?

Nagel: Das ist noch keine koranische Unterscheidung, sondern wächst erst an der Wende zum 8.Jahrhundert heran, als schon große Teile erobert sind. Da versucht man, die Eroberung auch mit juristisch relevanten Begriffen zu fassen. So kommt man zu dieser Unterscheidung, weil man sagt, im Haus des Krieges können die Riten nicht unter einer islamischen Obrigkeit vollzogen werden – was bedeutet das in Bezug auf das Jenseitsheil? Ohnehin besteht in den populären Verlautbarungen über den Islam große Unsicherheit darüber, welche Begriffe aus der frühen Zeit stammen, und was sich erst danach entwickelt hat, auch Muslime selbst wissen in der Regel nicht Bescheid. Manche elementare Dinge finden sich nur im Hadith – zum Beispiel, dass der Glaube im Wesentlichen durch die fünf Säulen (i.e. Glaubensbekenntnis, Gebet, Almosensteuer, Fasten und Pilgerfahrt, Anm. d. Red.) definiert wird. Im Koran wird der Glaube ganz anders definiert, als kämpferische Gläubigkeit.

Praktisch alle muslimischen Gelehrten lehnen eine historisch-kritische Auslegung des Islams ab. Kann der Islam trotzdem in eine säkulare Gesellschaft integriert werden?

Nagel: Ich glaube, eine säkulare Gesellschaft hat als wesentliches Element die Historisierung der Religionen. Es kann keine Säkularität geben in einer Gesellschaft, in der ein Teil sagt, wir beharren darauf, dass unsere universale Wahrheit überall gelten muss. Das ist ein Widerspruch in sich.

Ist Toleranz, die ja ein Begriff der westlichen Aufklärung ist, mit dem Islam vereinbar?

Nagel: Toleranz hat im Islam keine Basis. Was immer heute als Toleranz angeführt wird, etwa, dass man die Andersgläubigen, sofern sie sich zu einer Buchreligion bekennen, leben lässt, ist keine Toleranz. Denn diese der islamischen Herrschaft Unterstehenden sind in vielerlei Hinsicht gegenüber den Muslimen von minderem Recht. Sie haben zum Beispiel kein Recht, eine Waffe zu tragen – im Dialog mit den Andersgläubigen wird dann gesagt, sie brauchen keinen Kriegsdienst zu leisten…

Lieber als Toleranz scheint Muslimen in Diskussionen ohnehin das Wort „Respekt“ zu sein – wobei viele diesen Respekt gegenüber der eigenen Religion in Europa vermissen.

Nagel: Ich kann Menschen respektieren – aber hier wird die Respektierung eines religiös begründeten Gedankengebäudes gefordert, das selbst massiv den Anspruch auf universale Geltung erhebt. Ein weiterer Begriff in diesem Zusammenhang ist die „Islamophobie“. Der europäische Menschenrechtsbeirat hat sie schon als verwerflich gebrandmarkt, und der UN-Menschenrechtsbeirat greift das zum Teil auf. Ich halte das für falsch – die Menschenrechte beziehen sich auf den Menschen, nicht auf das, was er glaubt. Islamophobie muss erlaubt sein, man kann nicht eine Meinung oder Glaubenshaltung unter Schutz stellen. Das ist eine bedenkliche Umdefinierung der Menschenrechte.

Die Rolle des Islams in Europa hat sich, seit Sie zu studieren begonnen haben, sehr verändert. Inwieweit hat die westliche Islamwissenschaft auf die politischen Entwicklungen reagiert?

Nagel: Als ich anfing zu studieren, war das ein mediävistisch ausgerichtetes Fach. Heute haben wir mehr akademische Stellen, vor allem aber eine fast vollkommene Verlagerung des Schwerpunktes auf das 20.Jahrhundert. Für eine Kultur wie die islamische, die sich in ihren Äußerungen immer wieder auf die Vergangenheit bezieht oder sich aus ihr rechtfertigt, ist das eine Fehlentwicklung. Die Islamwissenschaft in Deutschland ist vielfach nur noch eine auf die arabische Welt oder die Türkei bezogene Politologie.

Manche Wissenschaftler in Europa bezweifeln, dass Mohammed wirklich gelebt hat, Sie sind überzeugt, dass er existiert hat – warum?

Nagel: Zum einen, weil der Koran, wenn man ihn genau liest, die religiöse innere Entwicklung einer Figur sehr stimmig darstellt. Wenn man eine religiöse Stiftungsurkunde erfinden will, würde man etwas nehmen, das keine inneren Widersprüche hat. Außerdem sind die Argumente für die Nichtexistenz Mohammeds meines Erachtens nicht stichhaltig. Beispielsweise wird gesagt, da müsste man materielle Belege aus seiner Zeit haben – ja das haben wir für Platon auch nicht!

Welche deutsche Koran-Übersetzung würden Sie unseren Lesern empfehlen?

Nagel: Von den Hadithen gibt es keine guten Übersetzungen. Was den Koran angeht – die weitverbreitete Übersetzung von Rudi Paret würde ich nicht nehmen, sie ist für Menschen, die Arabisch können. Wer den Koran einfach lesen will, nimmt am besten die uralte Übersetzung von Henning, die bei Reclam erschienen ist. Bei den neuen muss man aufpassen, da werden zum Teil Dinge hineingelegt, die nicht drinstehen. Ich habe einmal eine saudiarabische Übersetzung ins Englische gelesen, und bei einer Sure, in der die Frauen aufgefordert werden, sich züchtig zu kleiden, standen lange Anmerkungen darüber, was das genau bedeutet.

Gibt es etwas, was Ihnen am Koran besonders sympathisch ist?

Nagel: Ich muss gestehen, ich habe nie darüber nachgedacht, was mir am Koran gefallen könnte. Was ich sympathisch finde – wenn man von der Theorie weggeht, der Koran sei Gotteswort –, ist die zum Teil erstaunliche Offenheit, in der Mohammed sich und seine Interessen darstellt und sich damit selbst entblößt.

Rezension von Citizen Times zu Tilmann Nagel (2010): Mohammed. Zwanzig Kapitel über den Propheten der Muslime. München: Oldenbourg, 331 Seiten

War der Prophet Mohammed eine historische Figur? Hat es den Religionsstifter und arabischen Kriegsherrn, über den bisher keine außerislamischen Quellen gefunden wurden, tatsächlich gegeben? Die Antwort des renommierten Göttinger Emeritus für Islamwissenschaften, Tilman Nagel, ist trotz der schwierigen Quellenlage ein klares Ja. Allerdings entsprach der historische Mohammed durchaus nicht dem hagiographischen Bild, das sich die allermeisten Anhänger des Islam bis heute von diesem angeblich „vollkommensten aller Menschen“ machen.

In seiner knappen biographischen Studie über den arabischen Propheten stellt Nagel eingangs unmissverständlich klar, dass eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dessen Persönlichkeit und ihrer Botschaft nach westlichen Maßstäben nur gelingen kann, wenn sie konsequent in ihren historischen Kontext eingeordnet wird. Für die meisten Moslems dürfte dieser – in der christlichen Theologie längst vollzogene – Schritt allerdings ein schmerzlicher und vielleicht sogar unmöglicher Akt sein. In letzter Konsequenz wird er sogar an den Fundamenten dieser dritten und jüngsten abrahamitischen Religion rütteln, deren zentrales Dogma ja darin besteht, dass im Koran Gottes Wort in unmittelbarer und unveränderlicher Form durch seinen letzten und liebsten Propheten der Menschheit offenbart wurde. Da erscheint es für alle Rechtgläubigen schlicht als Blasphemie, wenn Nagel mit Hilfe zeitgenössischer arabischer Quellen, die er allerdings nicht immer genau nennt, die Genese der einzelnen Suren des Korans eng mit der Biographie Mohammeds verknüpft und sie in den Kontext von dessen Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern einzuordnen versucht.

Tatsächlich war der Islam, den der Prophet seinen Anhängern im Laufe seiner letzten 23 Lebensjahre scheibchenweise offenbarte, niemals eine von Anfang an fertige und konsistente Religion, wie es bis heute von einer moslemischen Orthodoxie dargestellt wird. Aus der Perspektive des kritischen Historikers war Mohammeds Botschaft vielmehr erheblichen Wandlungen unterworfen, die sich vor allem aus den damaligen komplexen Frontstellungen und Rivalitäten auf der arabischen Halbinsel erklären lassen und sich selbst nach dem Tod des Propheten im Juni 632 noch lange fortsetzten.

Dem damals in der arabischen Welt weit verbreiteten Hanifentum (Eingottglaube) anfangs verbunden, wandelte sich Mohammeds Lehre nach der so genannten Hedschra aus seiner Heimtatstadt Mekka in eine streng ritualisierte Politideologie, die im medinensischen Exil nicht nur den Tagesablauf eines jeden Gläubigen genau regulierte, sondern auch den militärischen Kampf als vorrangiges Mittel ihrer Subsistenz und Verbreitung forderte.

Nagel stellt unmissverständlich klar, dass Mohammeds Kriege gegen Mekka und andere arabische Clans keine Verteidigungskriege waren, wie es in der islamischen Überlieferung gern behauptet wird: Von Anfang an ging die Aggression von dem Propheten aus, der die rasch wachsende Zahl seiner Anhänger auch mit der Aussicht auf regelmäßige Kriegsbeute bei der Stange zu halten versuchte. Das Gewaltpotential der neuen Ideologie richtete sich mit wachsender Stärke der neuen moslemischen Gemeinde, der so genannten Umma, auch gegen Abweichler und Andersgläubige, wie etwa die drei jüdischen Stämme in Medina, von denen zwei aus ihrer Heimat vertrieben, der dritte sogar massakriert und versklavt wurde.

Die neunte Sure, die Mohammed in seinem vorletzten Lebensjahr empfangen zu haben vorgab, verkündete eindeutig den kaum noch eingeschränkten Djihad selbst gegen die Angehörigen der Schwesterreligionen, die er und seine Anhänger verächtlich die Beigeseller nannten:

„Allah liebt die Gottesfürchtigen. Wenn die heiligen Monate jedoch vergangen sind, dann tötet die Beigeseller, wo immer ihr sie findet! Wenn sie sich bekehren, das rituelle Gebet verrichten und die Läuterungsabgabe abführen, dann lasst sie laufen. Allah verzeiht und ist barmherzig.“

Allenfalls bestehende Verträge mit Christen und Juden seien noch einzuhalten, aber auch dies gelte nicht unbeschränkt, denn als Ungläubige und Unwissende könnten sie vor Allah und seinem Gesandten in Wirklichkeit keinen Vertrag haben. Damit wird, anders als im Christen- und Judentum, die weltweite Verbreitung einer islamischen Lebens- und Werteordnung zum zentralen Ziel der koranischen Ideologie, hinter dem die transzendentale Perspektive der Erlangung des Paradieses mehr und mehr in den Hintergrund geriet.

Schon zu Lebzeiten inszenierte sich Mohammed als die von Allah – seinem „Alter Ego“ (Nagel) – auserwählte Persönlichkeit. Sein kometenhafter Aufstieg zum mächtigsten Mann Arabiens schien ihm darin Recht zu geben. Während aber seine Zeitgenossen und Weggefährten den Propheten noch als eine höchst menschliche Erscheinung gesehen hatten, an dessen Person auch fallweise nicht mit Kritik gespart wurde, setzte schon in den folgenden Jahrhunderten eine beispiellose Apotheose des Propheten ein. Islamische Autoren, wie etwa der Bagdader Gelehrte Ibn Al Gauzi (gest. 1201), überboten sich in ihren Bemühungen, Mohammed als den vollkommensten und unfehlbarsten Menschen darzustellen, der jemals gelebt habe, um damit auch die Vollkommenheit und Wahrheit seiner Lehren zu beweisen.

Schon Ibn Hischam (gest. 828), der zweite Biograph des Propheten, räumte freimütig ein, dass er nicht alle bei Ibn Ishak (gest. 764) zu findenden Episoden aus Mohammeds Leben überliefert habe, weil seine Leser vieles davon als anstößig empfinden könnten. Die Verklärung nahm sogar derart bizarre Formen an, dass die Rangordnung zwischen Allah und seinem Propheten auf den Kopf gestellt zu sein schien. Heißt es doch schon in Sure 33, Vers 56: „Allah und seine Engel vollführten das rituelle Gebet zum Propheten gewandt“.

Bis heute aber verhindert diese Verklärung eine wirkliche wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit des historischen Mohammeds. Zugleich macht sie die nach Ansicht Nagels längst notwendige kritische Überprüfung des islamischen Dogmengebäudes und ihre Anpassung an moderne Lebenswelten unmöglich. Der Verfasser findet dafür klare Worte und spricht sogar von einer an Autismus grenzenden Selbstbezogenheit der moslemischen Orthodoxie.

Zwei Konsequenzen ergeben sich jedoch aus dieser fast blinden Verehrung des Propheten. Aus religionssystematischer Perspektive muss gefragt werden, ob es sich bei der koranischen Lehre mit ihrer maßlosen Überhöhung des Propheten überhaupt noch um eine monotheistische Religion handelt. Aus der Sicht der freiheitlichen westlichen Gesellschaften aber erscheint es höchst problematisch, wenn sich in Europa in zunehmender Zahl Einwanderer aus dem moslemischen Kulturkreis niederlassen, die bei aller Verschiedenheit islamischer Glaubensvorstellungen gleichwohl im Leben und Wirken des Propheten ihr zentrales Vorbild erblicken. Denn zu diesem Leben gehörte eben auch, wie Nagel unmissverständlich klarstellt, Nötigung, Plünderung, Versklavung und Massenmord.

 

QUELLEN und LINKS:

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Karl-Heinz Ohlig über die Entstehung des Islam aus dem syrischen Christentum

Professor Ohling

Professor Ohlig

Karl-Heinz Ohlig war, bis zu seiner Emeritierung 2006, Professor für Religionswissenschaft an der Universität des Saarlands. Soeben erschienen: „Schlaglichter. Die ersten beiden islamischen Jahrhunderte“, Verlag Hans Schiler, 617 Seiten, 64 Euro

23.03.2008 Interview bei Telepolis von Alfred Hackensberger Autor des Lexikons der Islamirrtümer

Ist der Islam ursprünglich eine Version des Christentums? Islamwissenschaftler Karl-Heinz Ohlig über die Frühgeschichte des Islam

In den letzten Jahren meldeten sich Islamwissenschaftler, Philologen und Historiker zu Wort, die historisch-kritisch die Geschichte des Islams untersuchen. Zu ihnen gehört Professor Karl-Heinz Ohlig von der Universität Saarland. In einem zweiteiligen Interview spricht der deutsche Religionswissenschaftler über seine Forschungsergebnisse, die die Frühgeschichte des Islam in einem vollkommen neuen Licht zeigen.

Eines Ihrer Bücher zur frühen Geschichte des Islam trägt den Titel “Die Dunklen Anfänge”. Was ist denn dunkel an der Entstehung des Islam, die man doch in jedem bekannten Lexikon detailliert nachlesen kann?

Karl-Heinz Ohlig: Schon Ignaz Goldziher, einer der “Väter” der Islamwissenschaft, hat in einem Vortrag im Jahr 1900 an der Sorbonne davon gesprochen, dass diese Anfänge recht ungeklärt sind. Tatsächlich bietet der Koran keinerlei biographisches Material zu Mohammed. Nur vier Mal kommt dieser Begriff vor, und nur an einer Stelle ist mit Sicherheit damit ein arabischer Prophet gemeint – wahrscheinlich eine recht späte Versgruppe. Mekka wird nur einmal, ohne irgendeinen Zusammenhang, erwähnt, Medina (“Stadt”) dreimal, wobei unklar ist, ob nicht einfach “Stadt” zu verstehen oder ob das spätere Medina (“Stadt [des Propheten]“) gemeint ist. Auch sonst gibt es keine Hinweise auf die Arabische Halbinsel. So sind alle “Informationen” zu den Anfängen des Islam erst späteren Texten entnommen: “Biographien”, die im 9. und 10. Jh. aufgeschrieben wurden. Aus einem dieser Texte, den “Annalen” des at-Tabari (10. Jh.) stammen auch die Schilderungen der weiteren Geschichte. So fehlen für die ersten zwei Jahrhunderte zeitgenössische Texte, auf die man sich stützen könnte.

Die Geschichte des Islam wurde also 150 bis 200 Jahre nach dem Tod von Propheten Mohammed (632 n. Chr.) aufgeschrieben. Warum wurde erst so spät mit der Niederschrift einer islamischen Geschichte begonnen?

Karl-Heinz Ohlig: Wahrscheinlich konnte man erst ein Leben Mohammeds und weitere Abläufe beschreiben, nachdem sich diese Vorstellungen über die Anfänge herausgebildet hatten, ansatzweise nicht vor der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, und sich der Islam als eigenständige Religion des arabischen Reichs ausgebildet hatte. In Analogie zum Vorgehen des Pentateuch, der die Anfänge der Jahwereligion in die Moseszeit verlegt, hat man nun einen großartigen und kohärenten Anfangsmythos entworfen.

Können die Aufzeichnungen nach einer Zeitspanne von ein, zwei Jahrhunderten noch genau sein? Ist die islamische Literatur des 9. und 10. Jahrhunderts nicht notgedrungen ein Sammelsurium von Halbwahrheiten, das man nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten vielleicht sogar als eine Fälschung bezeichnen müsste?

Karl-Heinz Ohlig: Diesen Entwurf als Fälschung zu bezeichnen, ist – ebenso wie bei den Büchern Mose oder der Romulus-Remus-Erzählung – falsch, weil dabei die literarischen Gattungen nicht berücksichtigt werden. Religiös-politische Gründungsmythen sind keine Geschichtsschreibung, und wollen dies auch nicht sein.

Aber sind es nicht genau diese “religiös-politische Gründungsmythen”, die heute unter vielen Muslimen für real gehalten werden? Selbst in der Fachliteratur zur Islamgeschichte wird die tradierte Version nicht in Frage gestellt.

Karl-Heinz Ohlig: Gründungsmythen haben die Funktion, durch Rückgriff auf eingängige narrative Traditionen Identität zu stiften. In vorkritischen Gesellschaften werden sie selbstverständlich für real gehalten. Davon unabhängig aber fragt historisches Denken nach den tatsächlichen Abläufen. Dies ist auch in der Islamwissenschaft in Gang gekommen, wenn auch reichlich spät. So vertritt z.B. die in Amerika lehrende Islamwissenschaftlerin Patricia Crone die These, die Anfänge des Islam seien nicht auf der Arabischen Halbinsel zu suchen. Die Gestalt Mohammed hält sie aber für historisch, seltsamerweise nicht auf Grund muslimischer, sondern christlicher Texte. Bei letzteren erweisen sich allerdings die sehr seltenen Erwähnungen eines Mohammed als Jahrhunderte spätere Interpolationen von Abschreibern in ältere Texte, die von ihm nichts wussten.

Welche Rolle spielen die Hadithe, die überlieferte Lebensgeschichte und Aussprüche des Propheten Mohammeds? Sie wurden ebenfalls über ein Jahrhundert lang mündlich von Erzähler zu Erzähler weiter vermittelt, schließlich gesammelt und niedergeschrieben. Wie zuverlässig sind die Überliefererketten?

Karl-Heinz Ohlig: Die Hadithe und ihre Sammlung im 9. Jh. wurden notwendig, weil neue Probleme und Fragen auftauchten, für die im koranischen Material kein Bezug zu finden war. Durch sie konnten neue Rechtsfragen, Gemeindesituationen usw. mit Bezug auf Mohammed beantwortet werden. Diesem, seit dem 19. Jh. schon als weithin legendarisch beurteilten Material sollte ein hohe Autorität durch die Vorschaltung von Überliefererketten, die die Berichte als Überlieferung seit Mohammed kennzeichnen wollen, zugewidmet werden, die als theologische Legitimationsformeln, nicht als historische Information zu verstehen sind.

Aber in der Realität ist das doch, wie auch im Fall des Gründungsmythos, anders. Hadithe werden als historische Information verstanden. In einigen muslimischen Ländern sind sie die Basis der Rechtsprechung. Taugen sie als Basis für Richtersprüche?

Karl-Heinz Ohlig: Hadithe sind Basis für die Rechtsprechung neben anderen Quellen: dem Koran, der Übereinstimmung in der Rechtstradition oder dem freien Ermessen des Richters. Ob sie als Basis “taugen”, entzieht sich meiner Kenntnis. Historische Informationen aber bieten sie prinzipiell nur für das, was man in den Kontexten ihrer Entstehung dachte, nicht für Worte Mohammeds.

Sie haben in den letzten drei Jahren zwei Bücher zur neusten Forschung über die Entstehungsgeschichte des Islam herausgebracht. Laut Ihrer These war der Islam zu Anfang nicht als eigenständige Religion gedacht. Welche Beweise haben Sie und Ihre Forscherkollegen dafür gefunden?

Karl-Heinz Ohlig: Laut Zeugnis der christlichen Literatur unter arabischer Herrschaft im 7. und 8. Jh., aber auch der arabischen Münzprägungen und der Inschriften, z.B. im Felsendom in Jerusalem, vertraten die neuen Herrscher ein syrisch-persisches Christentum, das die Beschlüsse des Konzils von Nizäa nicht anerkannte: Jesus ist für sie Gesandter, Prophet, Knecht Gottes, aber nicht physischer Sohn Gottes, und Gott ist unitarisch einer, ohne “Beigesellung”. Deswegen ordnet sie der Kirchenvater Johannes von Damaskus, gest. um 750, unter die christlichen Häretiker ein, weil sie seinem griechischen Verständnis von Christentum nicht entsprachen. Vor dem 9. Jh. ist von einer neuen, eigenständigen Religion der Araber nicht die Rede.

Das heißt, der Islam wurde erst später zu einer eigenständigen Religion gemacht?

Karl-Heinz Ohlig: Diese Formulierung klingt ein wenig nach Willkür oder bewusster Aktion. Es ist vielmehr so, dass Religionen oft entstehen, indem sie bei religiösen Vorstellungen der Tradition, aus der sie kommen, eine neue Gewichtung des Ererbten vornehmen, dieses anders interpretieren und in spezifischer Weise verfestigen und systematisieren.

Spielte die Politik der damaligen Zeit nicht auch eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Islam als eigenständige Religion?

Karl-Heinz Ohlig: Der Islam wurde die Staatsreligion des mächtigen arabischen Großreichs im 9. Jahrhundert, das damit seinen Anspruch auf “universale” Geltung und Herrschaft untermauern konnte.

Das arabische Großreich machte eine verbindende neue Religion nötig, als Fundament einer neuen Welt quasi, um sich vom Rest abzusetzen, Differenz zu schaffen? Ein Imperium braucht auch eine spirituelle Quelle? Eine Religion und Botschaft, die es auch zu verbreiten gilt?

Karl-Heinz Ohlig: Dies scheint, in Konkurrenz zum Byzantinischen Reich, eine plausible Erklärung zu sein.

Warum wurde in der gängigen Forschung bisher selten über diese Faktoren und Zusammenhänge nachgedacht und meist von einer unverrückbaren islamischen Geschichte ausgegangen? Warum hat man nicht, wie beim Christentum, kritisch hinterfragt?

Karl-Heinz Ohlig: In der muslimischen Theologie sind Fragestellungen dieser Art verboten; sie hat bisher noch keine Aufklärung durchlaufen. Die westliche Islamwissenschaft beschäftigt sich weithin mit Philologie, ohne die in der Geschichtswissenschaft etablierten Methoden anzuwenden. Ebenso wenig untersuchen sie den religionsgeschichtlich und christlich-theologisch äußerst differenzierten kulturellen Raum des Vorderen Orients, so dass die Wurzeln und Motive aus diesen Traditionen nicht erkannt werden. Aber es gibt dennoch auf der ganzen Welt eine Reihe von Islamwissenschaftlern, die kritische und weiterführende Beiträge und Untersuchungen publiziert haben, die insgesamt gänzlich neue Perspektiven aufscheinen lassen. Weil es gegen zeitgenössische Quellen und historische Belege keine Argumente gibt, werden sich die traditionellen Auffassungen auf Dauer nicht halten können.

Welche Fehler wurden von der nicht-kritischen Forschung gemacht, beziehungsweise, was hat man unterlassen?

Karl-Heinz Ohlig: Man hat vergessen, dass historische Abläufe nur dann beschreibbar sind, wenn sie historisch-kritisch anhand von zeitgenössischen Quellen verifiziert werden können. Es gibt nicht wenige Epochen, über die nur kaum Zeugnisse erhalten sind. Das gilt für die Entstehungsphasen vieler Religionen, z.B. für den Buddhismus, den Zoroastrismus, die jüdische Religion, und auch im Christentum gibt es Fragen zum historischen Jesus. Die Anfänge des Islam werden in der sehr viel späteren Literatur detailliert entfaltet, und es mag durchaus sein, dass auch historische Traditionen in sie eingegangen sind. Aufs Ganze gesehen aber dokumentiert sie nicht die Anfänge, sondern das Denken des 9. und 10 Jahrhunderts über die Anfänge. Die westliche Islamwissenschaft hätte alle Möglichkeiten kritischer Untersuchungen gehabt. Aber sie hat sie nicht ausreichend wahrgenommen.

24.03.2008 Fortsetzung des Interviews

Rudi Paret, ein bekannter Philologe und Islamwissenschaftler, sagte einmal, dass der Koran nicht anzuzweifeln sei. Teilen Sie diese Auffassung?

Karl-Heinz Ohlig: Rudi Paret hielt den Koran in allen seinen Sätzen für authentisch, d.h. auf Mohammed zurückgehend. Diese These ist durch keinerlei Quellen gestützt, also ein bloße Behauptung. Er meint auch, wie viele andere, die Sammlung der Sprüche Mohammeds sei unter dem dritten Kalifen Osman, wenig mehr als zwanzig Jahre nach dem Tod des Propheten, abgeschlossen worden.

Das stimmt also nicht, dass es nur eine einzige Version des Korans gab? Welche Beweise gibt es dafür?

Karl-Heinz Ohlig: Die noch erhaltenen Fragmente von Koranhandschriften, die ältesten wohl alle aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, zeigen ein anderes Bild: Es gab andere Surenfolgen, Textkomplexe fehlen noch usw. Der Koran war erst im Entstehen, die erste Ganzschrift lässt sich auf das Jahr 870 datieren. Vor allem aber sind die ältesten Handschriften “defektiv” geschrieben: Sie kennen, wie alle semitischen Schriften, keine Vokalzeichen, anders als in anderen semitischen Buchstabenschriften sind aber auch die Konsonanten mehrdeutig. Diese werden auch in der heutigen arabischen Schrift in ihrer Bedeutung erst klar durch die sog. diakritischen (unterscheidenden) Zeichen: ein bis drei Punkte über einem mehrdeutigen Buchstabenzeichen, die den gemeinten Konsonanten exakt festlegen. In den alten Koranhandschriften aber sind die Konsonanten unbestimmt: Ein Zeichen kann für zwei bis fünf Konsonanten stehen, so dass diese Texte ohne weitere Erklärung nicht lesbar sind. Das ist der Grund, warum sie im Lauf der Zeit – bis zum Ende des 9. Jahrhunderts – voll ausgeschrieben wurden (Plene-Schreibung). Hierbei sind den Abschreibern naturgemäß Interpretationsfehler unterlaufen.

Mit den “Interpretationsfehlern” beziehen Sie sich auf die Arbeiten von Christoph Luxenberg. Er hat den Koran mithilfe von Syro-Aramäisch, der lingua franca zurzeit von Prophet Mohammed, neu gelesen und plötzlich die zahlreichen dunklen, bisher unverständlichen Passagen im Koran entschlüsselt.

Karl-Heinz Ohlig: Christoph Luxenberg hat nachgewiesen, dass der Koran in einem aramäisch-arabischen Sprachumfeld geschrieben wurde, so dass nicht wenige Passagen erst ihren Sinn enthüllen, wenn sie als mit arabischen Buchstaben geschriebene aramäische Texte gelesen werden. In einer neuen Untersuchung hat er darüber hinaus anhand von Abschreibefehlern aufgezeigt, dass die Schreiber des Koran syrische Textvorlagen benutzt haben, der Koran also eine syro-aramäische und somit christliche Vorgeschichte hat. Dies entspricht auch dem Befund der arabischen Münzprägungen, die zeigen, dass die koranische Bewegung ihre Ursprünge weit östlich von Mesopotamien, also im syrisch-persischen Raum hat.

Warum findet erst jetzt eine kritische Auseinandersetzung mit der islamischen Historie statt? Sicherlich, es gab Ausnahmen, aber die wurden stets von der ‚scientific community’ abgetan.

Karl-Heinz Ohlig: Seit dem 19. Jh. hat die europäische, vor allem die deutsche Islamwissenschaft, die oft von jüdischen Gelehrten betrieben wurde, bedeutende Leistungen erbracht. Die Zeit des Nationalsozialismus brachte eine schlimme Zäsur. Heute kommt es darauf an, an die früheren wissenschaftlichen Traditionen anzuknüpfen, zugleich aber das Spektrum der Forschung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit von Islamwissenschaftlern mit Semitisten, Indogermanisten, Theologen, Religionswissenschaftlern, Numismatikern oder – für Spanien – Hispanisten zu vertiefen. Nur auf diese Weise können die komplexen Entstehungsbedingungen des Islam sachgerecht erfasst werden. Ein wichtiges Postulat wäre, wie in den Bibelwissenschaften selbstverständlich, die Erstellung einer kritischen Koranedition anhand der frühen Handschriften, damit die Koranexegese sich nicht weiterhin ausschließlich auf den Kairiner Text von 1925 stützen müsste, von dem einfach – fälschlich – behauptet wird, er entspreche dem von Osman festgelegten Text.

Sie haben auch versucht, historisch-kritisch über die Figur Propheten Mohammeds zu forschen. Hat es ihn tatsächlich gegeben?

Karl-Heinz Ohlig: Nachweisen lässt sich, dass die frühesten Münzprägungen mit dem Motto MHMT im Osten Mesopotamiens um 660 auftauchten, ihren Weg nach Westen nahmen und dort bilinguale Münzen geprägt wurden, in deren Mitte MHMT und am Rand in arabischer Schrift muhammad steht. Diese Münzen tragen eine christliche Ikonographie, z.B. immer wieder Kreuze, so dass muhammad offensichtlich, wie im Sanctus der Messe (“hochgelobt sei, der da kommt …”) als ein Prädikat Jesu verstanden wurde; muhammad heißt der Gelobte, Gepriesene oder der zu Lobende, zu Preisende. Dies entspricht auch dem Text der Inschrift im Felsendom, wo der Titel muhammad auf den Messias, Jesus, Sohn der Maria und Knecht Gottes bezogen ist, ebenso auf die Polemik des Johannes Damascenus gegen diese für ihn häretische Aussage.

Später scheint sich dieses christologische Prädikat von seinem Bezugspunkt gelöst zu haben, so dass es auf den im Koran häufig angesprochenen, namenlosen Propheten bezogen und somit in der Gestalt eines arabischen Propheten historisiert werden konnte. Diese Historisierung ist ebenfalls, die früheste Quelle, von Johannes von Damaskus bezeugt, der von dem Pseudopropheten Mamed spricht. Erst danach konnten die reichhaltigen Erzählungen von diesem Mohammed die historischen Defizite auffüllen.

Nach ihren Erläuterungen bleibt nur ein Schluss, dass Mohammed als historische Figur, wie sie heute bekannt ist, nicht existierte. Und er wurde erst im 9. und 10. Jahrhundert zu dem, was er ist?

Karl-Heinz Ohlig: Es ist durchaus möglich – wenn auch bisher nicht historisch erweisbar -, dass es am Anfang oder auch an einer anderen Stelle in der Geschichte der koranischen Bewegung einen wichtigen Prediger gegeben hat. Nach dem Zeugnis der arabischen Münzen oder z.B. der Inschrift im Felsendom aber muss angenommen werden, dass der Begriff muhammad, der Gelobte oder zu Lobende, ursprünglich ein christologischer Würdename war.

Strenggläubige Christen sind von Ihren Forschungsergebnissen sicherlich hoch erfreut. Sie können nun behaupten, das Christentum ist die eigentlich richtige, wahre Religion.

Karl-Heinz Ohlig: Bei historischen Untersuchungen geht es nicht um die religiöse Wahrheitsfrage. Zudem gibt es keine Religion, die vom Himmel gefallen ist. Alle sind aus Vorgängerreligionen entstanden, so z.B Taoismus und Konfuzianismus aus der chinesischen Reichsreligion, Hinduismus und Buddhismus aus der vedischen Religion, die jüdische Religion setzt die ganze kulturelle und religiöse Tradition des Alten Orients voraus, das Christentum die jüdische Mutterreligion, der Islam das syrische Christentum. Im Ergebnis sind somit alle Religionen vielfältig bedingt und vereinigen in sich synkretistisch viele traditionelle Motive, Erzähltraditionen, Kultbräuche, ethische Auffassungen, Institutionen usf.

In der Einleitung ihres Buchs, “Der Frühe Islam” schreiben Sie, dass Sie diese Religion nicht beschädigen wollen. Viele Muslime sehen das sicherlich anders, sie werden ihre Forschung eher als Angriff empfinden. Was können Sie ihnen entgegenhalten?

Karl-Heinz Ohlig: Die Aufklärung wurde seit dem 18. Jh. von vielen Christen – von manchen bis heute – als Angriff und Destruktion ihrer Religion empfunden und angesehen. In Wirklichkeit aber hat sie es dem Christentum ermöglicht, in der Moderne zu bestehen und auch für moderne Menschen lebbar zu sein. Diese Schritte hat der Islam noch vor sich, aber sie sind auch für ihn unausweichlich, wenn er eine Zukunft nicht nur in ghettohaft abgeschlossenen Gesellschaften haben will.

Gerade heute sieht es nicht so aus, als würde es viel Bereitschaft für eine Aufklärung in muslimischen Ländern geben. Warum hat dort noch keine Aufklärung stattgefunden?

Karl-Heinz Ohlig: Vom 9. bis zum 11. Jh., mit einer Nachblüte in Spanien, sind in den islamischen Gesellschaften bedeutende kulturelle Entwicklungen festzustellen, in Philosophie, Medizin, Mystik, “Naturwissenschaft” usw. Danach begann eine Phase der Regression. Unter der Vorherrschaft traditionell-rechtlichen Denkens konnten diese Ansätze nicht fortgeführt werden. Die Konfrontation mit der europäisch-christlichen Welt seit den Zeiten von Kolonisation und Imperialismus hat eine Rezeption des aufgeklärten Denkens schwierig gemacht, weil sie mit dem Makel des Unislamischen einherging und –geht. In den islamischen Gesellschaften fehlt auch ein wichtiges Element der europäischen Aufklärung: ein Bürgertum. Aufklärung scheint zwar in der globalisierten Welt unausweichlich, aber sie wird anders verlaufen als in Europa, dort aber, im Euro-Islam, wohl ihren Anfang nehmen. Aber auch in der islamischen Staatenwelt wird sie, mit zunehmender Alphabetisierung auch der Frauen, durch die Zwänge des Wirtschaftens und die mediale Präsenz der ganzen Welt und den Zugang zu allem verfügbaren Wissen, das Denken verändern. Über die zu erwartenden Zeitperspektiven kann man nur spekulieren.

Und wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung innerhalb der westlichen Islamwissenschaften und der breiten Öffentlichkeit. In einem großen Islam-Artikel im Spiegel wurde ihre Forschung eher am Rande abgetan. Muss nicht auch der Westen seine Perspektive verändern?

Karl-Heinz Ohlig: Das sind viele Fragen. Ich beschäftige mich als Religionswissenschaftler in Forschung und Lehre seit 1973 mit allen möglichen Religionen, auch dem Islam, besonders aber mit dem Christentum. Nirgendwo aber sind in der wissenschaftlichen Literatur die überprüfbaren historischen Aussagen so mager wie für die Anfänge des Islam. Einen bequemen Konsens in Frage zu stellen, ist immer ein wenig schwierig, und es erfordert Zeit. Dies gilt auch für die Medien, deren Vertreter gelegentlich nicht geeignet sind, diese Probleme und Motive zu verstehen. Mittlerweile gibt es aber eine große internationale Forschergruppe aus einer ganzen Reihe von Disziplinen, die diese Fragen aufgreift und die Quellen kritisch untersucht. Diese wissenschaftliche Entwicklung lässt sich nicht mehr aufhalten.

28.09.2008 Interview in der FAZ

Ist Jesus der Prophet des Islams?

Herr Professor Ohlig, kann es sein, dass uns die Kirchengeschichte der Antike mehr angeht, als es den Zeitgenossen bewusst ist?

Das stimmt schon deshalb, weil das Christentum damals die Gestalt angenommen hat, die dann als die christliche schlechthin von uns Abendländern übernommen wurde. Eine Gestalt, die aber jetzt in die Krise gerät.

In welche ihrer vielen Krisen?

Vieles am Christentum, was Erbe der Antike ist, ist uns heute nur noch als Mythos, nicht aber als Glaubensinhalt verständlich. Also muss man die Antike danach befragen, was ist wirklich das Christentum? Und was ist hellenistische Einkleidung, die heute nicht mehr gelebt und geglaubt werden kann.

Wann immer apokryphe Evangelien, gnostische Texte wiederentdeckt werden, kommt einer und sagt: das sei das wahre Christentum.

Das macht nur die Sensationspresse. Was ich meine, ist die historisch-kritische Erforschung der Texte, die Frage, welche kulturellen Einflüsse damals die Lesart der Texte bestimmt haben.

Der Papst bezeichnet sich selbst als einen Mann der Vernunft.

Der Papst meint, dass erst die Verbindung des Christentums mit dem Logos die eigentliche Form des Christentums ergeben habe, und setzt das, in seiner Regensburger Rede zum Beispiel, dem Islam gegenüber. Der Logos, das ist für ihn einzig die griechische Denkweise und Philosophie. Angesichts der geistes- und naturwissenschaftlichen Entwicklung hat heute „die Vernunft“ aber andere Parameter.

Was schlagen Sie vor? Zurückkehren zu den Ursprüngen? Den Kanon neu zusammensetzen?

Der Kanon bleibt die Basis. Aber wir müssen erkennen, dass die Hellenisierung des Christentums nur eine von vielen Möglichkeiten ist. Daneben gab es eine syrische Kirche, die übers Perserreich bis fast an die Grenzen Indiens reichte, die andere Inkulturationen durchlaufen hat. So etwas finden wir auch in der Gegenwart; in Asien, in Afrika, in Lateinamerika kommen neue Prozesse in Gang, die Gläubigen denken anders über Jesus, anders über Gott.

Was war anders in der östlichen Kirche?

Es war eine Kirche, deren Denken dem Judenchristentum nahestand. Es gab zum Beispiel nicht die griechische Sehnsucht nach Vergöttlichung, die ja bewirkt hat, dass Jesus eine Inkarnation Gottes sein musste. Für die syrische Kirche war die Ethik wichtig und Jesus der Mensch, den Gott gesandt hat, einer, der sich bewährt hat und dem wir, indem wir uns auch bewähren, nachfolgen sollen. Insofern entfiel dort auch die Basis für eine Trinitätslehre.

Ist die Trinitätslehre heidnisches Beiwerk zum Christentum?

Man kann sicher sagen, dass es diese Lehre nicht gegeben hätte ohne die Hellenisierung. Der Gott Jesu, der Gott der Juden war Jahwe, der eine Gott. Das war ein unitarischer Monotheismus, aus dem, im Lauf der christlichen Geschichte, erst ein binitarischer, dann ein trinitarischer Gott geworden ist. Das war damals notwendig, weil, im Verständnis des Hellenismus, Gott das Prinzip der Welt ist, unveränderlich, zeitlos, im Neuplatonismus so sehr eines und undifferenziert, dass er noch nicht einmal weiß, dass es ihn gibt, ein Gott, der nicht handeln kann – deshalb brauchten diese Menschen, um zugleich zu akzeptieren, dass dieser Gott am Anfang und am Ende der Welt steht, dass er der Schöpfer ist und in die Geschichte eingreift, eine mindere Gottheit. Diese Vorstellung zeigt sich besonders deutlich im Prolog des Johannes-Evangeliums. Am Anfang war der Logos, in dem und durch den alles geschaffen wurde und der dann Fleisch geworden ist.

Es gibt, umgekehrt, auch den Vorwurf ans Christentum, dass es sich das Heidentum einverleibt habe: die Feiertage, die Rituale . . .

Das Christentum ist sicher die Religion, die sich am offensivsten in die Kulturen hineinbegeben hat. Ursprünglich eine jüdische Reformbewegung, hat es sich bald an die Nichtjuden gewandt, in diesem Fall an die Ökumene des Römischen Reichs. Und wenn man hier missioniert, muss man sich so ausdrücken, dass griechisch denkende Menschen das Christentum als ihre Religion annehmen können. Solche Inkulturationsprozesse geschehen auch heute, in Asien und Afrika, und das ist etwas, das andere Religionen nicht geleistet haben.

War das die Ursache für den Erfolg des Christentums?

Die wichtigste Ursache ist wohl, dass das Grundkonzept des Christentums allen anderen Religionen überlegen ist. Der Glaube an den einen und personalen Gott, welcher der Welt und uns einen Sinn und eine Perspektive gibt .

Paul Veyne schreibt, eine Bäuerin habe sich der Jungfrau Maria anvertrauen können. Mit Juno hätte sie nichts zu besprechen gehabt.

Vom populären Marienglauben mal abgesehen: Ja, das Christentum hat sich nicht als herrschende Lehre, als Lehre des Herrschers durchgesetzt, sondern von unten, durch Überzeugung.

Warum ist die alte Götterwelt so restlos verschwunden?

Die Erosion war schon im Gang, als das Christentum auf den Plan trat. Die Gebildeten im Römischen Reich betrachteten die Götterwelt nur noch als Folklore. Man hat die Kulte weiterbetrieben, aber eher auf das eine Göttliche reflektiert. Viele Gebildete suchten Zuflucht in der Philosophie, andere wandten sich Mysterienkulten zu.

Das klingt erstaunlich gegenwärtig. Die Verbindlichkeit des Bekenntnisses ist erloschen, jeder sucht sich, was er braucht.

Es geht um mehr, es geht um die Suche nach einem Sinn. Heute scheint es so zu sein, dass die tradierten Christentümer keine befriedigenden Antworten haben. Man wendet sich esoterischen Richtungen zu oder sucht sich, was einem zusagt .

Und in einem solchen Moment kommt das Christentum in die antike Welt und hat einen absoluten, universalen, totalen Anspruch.

Die Situation war günstig für das Christentum. Es gab Zeiten, da wäre die Verkündigung des Christentums schwieriger gewesen.

Vergleichbar wäre heute der Islam?

Ich glaube, man kann das nur in einer Hinsicht vergleichen: dass da, in unsicher gewordenen Zeiten, eine Religion ist, die keine Zweifel zulässt, die nicht wankt. Das mag auf manche anziehend wirken. Aber ich glaube kaum, dass der Islam, wenn er bleibt, wie er ist, sich missionarisch vermitteln kann, nicht in Gesellschaften, die halbwegs autonome Bürger haben. Er lässt, gegenüber dem kritischen Denken, zu viele Fragen offen.

Ist auch die Entstehung des Islams ein Teil der antiken Kirchengeschichte?

Schon der Islamforscher Friedrich Schwally hat 1919 gesagt: Die Theologen sind sich nicht bewusst, dass der Islam ein Teil unserer Kirchengeschichte ist. Je genauer man sich mit dem Koran beschäftigt, desto deutlicher sieht man, dass im Ursprung des Korans eine Form des Christentums lag. Wahrscheinlich erst ums Jahr 800 wurde daraus eine eigenständige Religion.

Was sind die zentralen Belege?

Wie gesagt, die syrische Kirche hat Jesus immer als Propheten, als Gesandten Gottes gesehen. Der syrische Kirchenvater Afrahat nennt Jesus oft den „Großen Propheten“, nicht den Sohn Gottes, sondern den Sohn Marias, und auf diese syrische Theologie geht der Koran zurück.

Sie haben geschrieben, dass „Muhammad“ eigentlich eine Bezeichnung für Jesus sei.

„Muhammad“ heißt „der Gelobte“, und die ersten Münzprägungen, auf denen dieser Titel erscheint, tragen ausschließlich christliche Symbole, das Kreuz, die Taufe Jesu oder Ähnliches. Der Kalif Abd al-Malik hat in Jerusalem den Felsendom errichtet, der als erstes muslimisches Bauwerk gilt, aber eine Kirche war. Die Inschrift, die er im Innern anbringen ließ, ist ein rein christologischer Text. Es wird polemisiert gegen die These, Jesus sei der Sohn Gottes. Der zweite Satz heißt, Muhammad sei der Knecht Gottes, denn der Messias Jesus, Sohn Marias, sei . . . und so weiter. Dies ergibt keinen Sinn, wenn man es auf Mohammed bezieht. Wenn man, wie Christoph Luxenberg vorschlägt, „muhammad“ wörtlich übersetzt und den Satz so liest: Gepriesen sei (muhammad) . . ., dann ist er auf den danach erwähnten Jesus zu beziehen. Abdallah, der Knecht Gottes, ist eine alte syrische Bezeichnung für Jesus. Später wurde die Inschrift gelesen: Mohammed, Sohn des Abdallah. Es gibt viele Texte, die unverständlich bleiben, solange man eine Person Mohammed annimmt.

Die ersten Muslime wussten also gar nicht, dass sie Muslime waren. Sie hielten sich für Christen?

Ja, eine Sonderform des Christentums, das sich auf die Schrift berief und den Trinitariern vorwarf, sie verfälschten diese Schrift.

Könnte das eine Ursache sein für die schnelle Ausbreitung des Islams: Dass die Menschen gar nicht bekehrt und missioniert werden mussten?

Ja, der Islam breitete sich überall dort aus, wo die religiöse Tradition eher unitarisch war, wo Jesus als Mensch und Gesandter Gottes verehrt wurde, nicht als Gott.

Können solche Erkenntnisse die Verständigung zwischen den Religionen befördern?

Zunächst geht es um Grundlagenforschung. In den muslimischen Ländern werden solche Fragen nicht diskutiert. Hoffnung macht der Euro-Islam. Muhammad Kalisch, Professor in Münster, hat diese Ergebnisse aufgegriffen.

Was ihn in Schwierigkeiten mit den muslimischen Verbänden bringt.

Und trotzdem kann das Bewusstsein, dass man gemeinsame Wurzeln hat, vielleicht doch zu einer Verständigung führen, so wie es die Verständigung zwischen Christen und Juden befördert hat, dass die jüdischen Wurzeln des Christentums erforscht worden sind.

Fortsetzung des Interviews

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2010 Josef van Ess “Der Koran ist eine reformatorische Schrift”

2010 Institut für Auslandsbeziehungen

Josef Van Ess, 76, gilt als einer der weltweit bedeutendsten Forscher auf dem Gebiet der islamischen Theologie und Philosophie. Von 1968 bis 1999 bekleidete er den Lehrstuhl für Islamkunde und Semitische Sprachen an der Universität Tübingen. Sein Hauptwerk “Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra”, ist zwischen 1991 und 1997 in sechs Bänden erschienen.

zenith: Herr van Ess, seit wann gibt es den Islam?

Josef van Ess: Diese Frage ist überhaupt nicht zu beantworten. Zumal man ja schon unterschiedlicher Meinung darüber ist, seit wann es den Koran gibt. Eines ist klar: Als es den Koran gab, gab es noch lange nicht den Islam.

zenith: Wie ist das zu verstehen?

Josef van Ess: Eine Religion braucht Generationen, bis sie weiß, warum sie da ist. Als Offenbarungsreligion hat der Islam bestimmte Grundvoraussetzungen: ein Gottesbild und die Notwendigkeit eines Stifters etwa. Aus diesen Voraussetzungen folgen Optionen. Und dann müssen Entscheidungen gefällt werden – was Zeit braucht, zum Teil Jahrhunderte. Durch diese Entscheidungen wird der Entscheidungsspielraum immer weiter eingegrenzt – sozusagen eine natürliche Erstarrung, die es bei allen Religionen gibt.

zenith: Häufig heißt es, der Islam brauche eine Reformation – einen “islamischen Luther”, um die Erstarrung aufzuhalten.

Josef van Ess: Ach, das ist doch ein alter Hut. Der Gedanke taucht schon im späten 19. Jahrhundert auf, und man hört es auch jetzt immer wieder. Dahinter steht der etwas amorphe Wunsch nach Reform, weil man mit der Gegenwart unzufrieden ist. Dabei ist schon der Koran eine reformatorische Schrift – insofern, als die älteren Religionen als Irrwege abgetan werden. Was natürlich eine Illusion ist: Der Koran ist nie zu den Anfängen zurückgekehrt. Aber dahinter steht vermutlich eine historische Erfahrung: Die Zeitgenossen des Propheten erlebten das Christentum nicht als einheitliche Religion, sondern als drei verschiedene “Kirchen”, die sich wüst beschimpften.

zenith: Und als was sahen die frühen Muslime sich selbst? Wie ist der Islam zum Islam geworden?

Josef van Ess: Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Islam von Muhammad noch gar nicht intendiert war. Anfangs wird bloß eine Gemeinde gebildet, die sich eines besonders sittlichen oder frommen Lebenswandels befleißigen soll und die sich als “die Gläubigen” bezeichnet: “al-Mu’minun”.

zenith: Die Bezeichnung “Muslim” kommt erst viel später in Gebrauch…

Josef van Ess: Richtig – sie steht zwar schon im Koran, meint aber nur ganz bestimmte Leute: die alten Kaaba-Verehrer aus Mekka, die sich dem Islam “unterwerfen”. Das zumindest schreibt der Islamforscher Fred Donner in seinem neuen Buch. Unter den “Mu’minun” waren seiner Ansicht nach dagegen auch Juden und Christen. Die wurden später ausgesondert – wohl zur Zeit des Kalifen Abd al-Malik. Und dann wurde knapp hundert Jahre nach der Hidschra der Islam zum Islam.

zenith: Ab diesem Zeitpunkt kann man von einer etablierten islamischen Religion sprechen?

Josef van Ess: Ja und nein. Wir stellen uns das immer so vor: Da ist eine Gruppe von Leuten, die denken sich etwas aus und machen eine neue Religion auf. Aber so war das ja nie. Natürlich hat es die “Gläubigen” gegeben. Aber die wurden durch die Eroberungskriege in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Die Folge war ein Konglomerat verschiedener Nuclei. Vor allem in den neuen Garnisonsstädten – Basra, Kufa oder Fustat: Da saßen dann ein paar so genannte Prophetengenossen, um die herum sich eine Sorte Islam gruppierte. Aber ich bin überzeugt, dass das in Kufa ganz anders aussah als in Fustat.

zenith: Aus welchem Grund? Waren diese Gebiete voneinander isoliert?

Josef van Ess: Die Kommunikation zwischen den Zentren war schwach. Natürlich sind die Leute gereist, und vermutlich hatten sie irgendeinen Koran-Text, an den sie sich hielten. Aber die Frage ist ja, ob der Koran schon im Mittelpunkt stand. Aus meiner Sicht: Nein. Was die Gemeinde einte, war vielmehr die Art des gemeinschaftlichen Gebets. Diese merkwürdige Gymnastik, die man dabei treibt – das ist ja singulär. Und das fiel jedem anderen auf. Was da dagegen an Überbau war, also was wir heute unter Islam verstehen – das weiß der Himmel.

zenith: Heißt das, in den Städten haben sich jeweils eigene Islam-Richtungen entwickelt?

Josef van Ess: Selbst an Orten wie Kufa oder später Bagdad würde ich nicht von einem einheitlichen Islam ausgehen. Bagdad war dafür ja auch viel zu groß, es hatte unter Umständen eine Million Einwohner. Dass man da in jeder Moschee den Islam gleich verstanden hätte, halte ich für völlig unmöglich. Wir haben ja Berichte von diesen verrückten Gnostikern. Was die glaubten, muss irgendwo ausgesprochen worden sein, und es müssen sich auch Anhänger gefunden haben. Ansonsten hätte man das gar nicht schriftlich niedergelegt.

zenith: Sie zeichnen ein fast schon atomistisches Bild vom Islam.

Josef van Ess: Oder ich stelle das gängige Bild auf den Kopf. Die Pluralität steht am Anfang, die Einheit kommt später. Ein Fundamentalist würde es genau umgekehrt sehen.

zenith: Was war das einigende Band aller dieser lokalen Gruppen und Islam-Varianten – jenseits der Gebetsgymnastik?

Josef van Ess: Auf Dauer war das der Koran. Es brauchte etwas Zeit, bis er zusammengestellt und den Leuten zu Bewusstsein gekommen war. Aber in dem Augenblick, wo man den Koran als verbindliche Grundlage besaß, da gab es den Islam. Vermutlich begann das mit Abd al-Malik und den Inschriften am Felsendom in Jerusalem, wo der Koran zitiert wird – nicht ganz wörtlich, übrigens. Später kam dann das islamische Recht hinzu. Aber auch danach gab es Gruppen, die von anderen als Häretiker verketzert wurden. Der Begriff Häresie setzt eine Orthodoxie voraus. Wie aber wollen Sie Orthodoxie im Islam definieren? Es hat natürlich Orthodoxien in unserem Sinne gegeben, aber sie waren immer lokal und zeitlich begrenzt: In dem Augenblick, wo man irgendwo eine bestimmte Islam-Interpretation verbindlich machte, gab es Gruppen, die als abartig bezeichnet wurden. Aber grundsätzlich und überall verabscheut wurden nur ganz wenige Gruppen, etwa die Ismailiten.

zenith: Wie ging man mit solchen “abartigen” Gruppen um?

Josef van Ess: Selbst die Ismailiten wurden nicht ausgerottet. Sie haben sich in Rückzugsgebiete flüchten müssen, aber sie haben überlebt. Noch viel mehr gilt das für frühe Gruppen, die sich gegen den Staat erhoben. Beispielsweise der “verschleierte Prophet” Al-Muqanna’ im 8. Jahrhundert: Noch Jahrhunderte später fanden sich Anhänger dieses Mannes in den Bergen Turkestans. Und wenn Geographen hinfuhren und fragten: ‘Seid ihr Muslime?’, dann sagten die Leute: ‘Ja, so genau wissen wir das auch nicht. Aber wir zahlen Steuern.’ Die Christen hätten die im Mittelalter schon längst ins Jenseits befördert.

zenith: Das klingt beinahe zu harmonisch, um wahr zu sein.

Josef van Ess: Natürlich ist es manchmal ausgesprochen rabiat zugegangen. Mahmud von Ghazna etwa hat viele einfach einen Kopf kürzer gemacht – aber ganz bestimmte Leute, die ihm auch politisch im Weg standen. Doch zu anderen Zeiten hat man halbwegs friedlich nebeneinander her gelebt. Insofern bietet der Islam ein bunteres Bild als die christliche Welt.

zenith: Würden Sie sagen, dass das auch für die Gegenwart gilt?

Josef van Ess: Inzwischen ist die Sache in der Tat umgeschlagen: Durch die Medien ist es viel leichter möglich, ein verbindliches Bild vom Islam unter die Leute zu bringen und etwa mit Geld durchzusetzen. Der Umschwung begann schon unter den von uns so hoch geschätzten Reformatoren des späten 19. Jahrhunderts wie Muhammad Abduh. Die ja auch eine Rückkehr zur Schrift propagierten – und damit auf einen Einheitsislam hinauswollten. Die Ironie der Geschichte hat dann dazu geführt, dass schließlich der moderne Fundamentalismus daraus geworden ist.

zenith: Wobei dieser Fundamentalismus eben auch eindeutig modern ist…

Josef van Ess: Ganz gewiss: Da steckt viel mehr Moderne drin, als wir so denken. Wenn wir daher Ansichten, wie sie von Fundamentalisten vertreten werden, auf den Koran zurückführen, dann tun wir damit zwar den Fundamentalisten einen Gefallen, aber historisch gesehen ist das falsch. Doch im Grunde habe ich keine Angst um die islamische Welt. Ich bin sicher, dass auch die Fundamentalisten es nicht zu einer Orthodoxie schaffen werden. Das ist einfach in der Religion nicht angelegt.

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2010 Barbara Köster über die mangelnde Historizität der islamischen Überlieferung

Koran

Erschienen November 2010. Ca. 34,- Euro. ISBN: 978-3899303124

Rezension von Armin Pfahl-Traughber beim Humanistischen Pressedienst:

(hpd) Die Islamwissenschaftlerin Barbara Köster präsentiert die Ergebnisse einer neuen Forschungsrichtung, welche die historische Authentizität vieler Aussagen zur Frühgeschichte des Islam in Frage stellt. Auch wenn man der rigorosen Verwerfung nicht pauschal zustimmt, zeigt sich doch deutlich das mangelnde sichere Wissen über die Entstehungszeit dieser Religion und damit auch für die Legitimation von deren sozialen Geltungsansprüchen.
Die Entstehungs- und Frühgeschichte von Religionen ist häufig von Legenden und Mythen geprägt, welche sich nach einer kritischen Betrachtung historisch nur selten belegen lassen. Lange Zeit ging man davon aus, dass dies beim Islam anders sei. Einerseits handelt es sich um eine relativ junge Religion, existiert für die Zeit von deren Herausbildung doch scheinbar eine Fülle von Quellen. Andererseits ist das bisherige Wissen um die Frühgeschichte des Islam auch von Erkenntnissen geprägt, die weder für Mohammed noch seine direkten Nachfahren als schmeichelhaft bezeichnet werden können. Doch betrachtet man sich die Grundlagen des bisherigen Wissens, so zeigt der kritische Blick: All das, was wir zu wissen glauben, beruht auf islamisch geprägten und nicht zeitgenössischen Quellen. Mittlerweile hat sich im Bereich der Islamwissenschaften eine Außenseiterposition herausbildet, welche bisherige Gewissheiten über die Entstehungsgeschichte des Islam in Frage stellt. Diese Theorien will die Islamwissenschaftlerin Barbara Köster vorstellen.

In ihrem Buch „Der missverstandene Koran. Warum der Islam neu begründet werden muss“ beschreibt sie die Auffassungen von gegenwärtigen Forschern wie Christoph Luxenberg oder Karl-Heinz Ohlig: „Sie stellen den Islam in einen engen Zusammenhang mit dem Christentum, wobei besonders das frühe syrische Christentum eine Rolle spielt. Später hat er weitere, vor allem persische Einflüsse in sich aufgenommen, bevor er schließlich am Ende des 8. Jahrhunderts als eigenständige Religion gelten konnte“ (S. 12). Die zwanzig Kapitel des Buches behandeln die unterschiedlichsten Aspekte aus der Entstehungs- und Frühgeschichte des Islam: Es geht um die Geschichte und Geschichten vom Propheten Mohammed, den Mythos Mekka und die Legende von der Auswanderung, wobei jeweils immer nach der historischen Belegbarkeit gefragt wird. Gleiches gilt für die Darstellungen und Erörterungen zur Geschichte von den Eroberungen bis nach Spanien hinein, das Verhältnis von Jesus und Mohammed oder die Diskussion um die Kopftuch-Frage mit dem Verweis auf den Koran.

Historische Legenden aus einem Erzähler-Repertoire

Hinsichtlich der historischen Legenden über den Islam formuliert Köster eine eindeutige Botschaft: „Die Geschichtlichkeit seiner Entstehung, auf die er sich ausdrücklich beruft, ist widerlegt. Die Tradition ist nicht Geschichte, sondern besteht aus Geschichten und Anekdoten aus einem Erzähler-Repertoire. Das Leben des Propheten ist ein Produkt dichterischer Freiheit. … Die Auswanderung von Mekka nach Medina hat nicht stattgefunden. Die vier rechtgeleiteten Kalifen hat es nicht gegeben. Es gab keine arabischen Eroberungen unter dem Banner des Islams“ (S. 121). Und weiter heißt es: „Die Hauptaussagen des Islams sind zweifelhaft. Koran und Sunna, die Basistexte zur Legitimation ‚religiöser Regeln’ sind auf andere Weise entstanden als geglaubt. Die Person eines arabischen Propheten mit dem Namen Mohammed ist unhistorisch, dafür der Koran historisch. Die koranische Botschaft ist nicht arabisch. Die Sunna basiert auf der Interessenpolitik verschiedener Personen und Gruppierungen. Der Islam entstand nicht auf der Arabischen Halbinsel (S. 243).

Köster zieht demnach symbolisch einen großen Strich durch das bisherige Bild von der Entstehungs- und Frühgeschichte des Islam. Dabei kann sie sich auf neuere Forschungen etwa zur Quellenkritik der muslimischen Texte oder einer Sprachanalyse des Koran ebenso stützen wie auf den Vergleich der überlieferten muslimischen mit den nicht-muslimischen Texten derselben Zeit oder auf unterschiedliche archäologische und numismatische Belege. Ob aber daraus direkt so rigorose Aussagen wie „hat es nicht gegeben“ oder „ist unhistorisch“ ableitbar sind, kann doch auch hinterfragt und kritisiert werden. Gleichwohl wirft Köster der etablierten und traditionellen Islamwissenschaft zutreffend vor, allzu naiv und unkritisch das islamische Bild von der Frühgeschichte der Religion reproduziert zu haben. Unabhängig davon, wie man zu ihrer Deutung der gemeinten historischen Epoche steht, lässt sich angesichts des mangelnden historischen Wissens um sie wohl kaum eine Religion mit einem derart breiten sozialen Geltungsanspruch inhaltlich legitimieren.

Rezension von Michael Ley zu Barbara Kösters Buch “Der missverstandene Koran” vom 11.02.2011 in Die Presse

Die Anfänge des Islam liegen im Dunklen. Als Quelle ungeeignet ist jedenfalls der Koran, meint die Publizistin Barbara Köster. Der „Urkoran“ wurde erst spät ins Arabische übersetzt – mit Missverständnissen und Fehlern. Eine Aufdeckung.

Im Jahr 822 stellte der katholische Priester Eulogius aus Córdoba die Frage: „Wer ist Mohammed?“ Nach der traditionellen Geschichtsschreibung wurde Córdoba zu dieser Zeit schon seit über 100 Jahren von Muslimen beherrscht. War dieser Diener Gottes so historisch ungebildet, dass er 200 Jahre nach dem Tod Mohammeds noch immer nichts über den islamischen Religionsstifter wusste. Mitnichten.

Die Zweifel an der Authentizität der islamischen Überlieferungen haben eine lange Geschichte. Im Jahr 1889/90 publizierte der Orientalist Ignaz Goldziher (1850 bis 1921) seine zweibändigen „Muhammedanischen Studien“, die zusammen mit weiteren Schriften die Grundlagen für eine neue Wissenschaftsdisziplin darstellten: eine kritische Islamwissenschaft. Sein im Grunde einfacher wissenschaftlicher Grundsatz lautete: „Niemand, der seriös Islam-Studien betreibt, würde es wagen, die Mohammed und seinen Gefährten zugeschriebenen Aussprüche als Quelle zu benutzen, um ein Bild vom frühen Islam und den ursprünglichen Lehren des Islam zu entwerfen. Die moderne historische Kritik lässt uns gegen eine solche vorsintflutliche Betrachtungsweise auf der Hut sein.“

Die etablierten Islamwissenschaften in den islamischen Ländern und im Westen missachten – abgesehen von wenigen Forschern – diesen Grundsatz und kennen keine Quellenkritik, wie etwa die textkritische christliche und jüdische Theologie. In den letzten Jahren wurden mehrere Studien publiziert, die sich mit den „dunklen Anfängen“ des Islam beschäftigten. Diese Forschungen thematisieren sowohl die Person des Religionsstifters Mohammed (Muhammad) als auch die historischen Wurzeln des Korans. Mohammed soll, laut seinem ersten Biografen, Ibn Ishâq, zwischen 570 und 632 vor Christus gelebt haben. Alles, was selbst westliche Islamwissenschaftler über das Leben Mohammeds zu wissen glauben, stammt nahezu ausschließlich aus dieser umfassendsten und frühesten Quelle, die um 750 im Irak entstanden sein soll. Kritische Forschungen über diesen Autor legen den Schluss nahe, dass diese historische Überlieferung mehr als fragwürdig ist. Die Person Mohammeds wird in keiner außerislamischen historischen Quelle erwähnt, obwohl er an seinem Lebensende über die ganze arabische Halbinsel geherrscht haben soll.

Es ist mehr als verwunderlich, dass die Christen der arabischen Halbinsel nichts von der Entstehung einer neuen Religion und einer neuen politischen Herrschaft bemerkt haben sollen. Keine Chronik zu dieser Zeit nimmt vom Islam Kenntnis, sehr wohl jedoch den Beginn einer arabischen Herrschaft unter dem christlichen König Muawiya im siebten Jahrhundert. Die religiösen Ursprünge des Korans weisen in eine christliche Richtung, der „Urkoran“ war vermutlich ein christliches Lektionar – eine liturgische Anweisung zum christlichen Glauben. Seit vielen Jahren erforschen die kritischen Forscher um Karl Heinz Ohlig auf breiter wissenschaftlicher Grundlage die Anfänge und die Entwicklung des Islam.

Die Autorin Barbara Köster hat in ihrem außerordentlich gut recherchierten und gut lesbaren Sachbuch „Der missverstandene Koran“ die vorläufigen Ergebnisse dieser Forschungen zusammengefasst und kommt zu der Schlussfolgerung, dass sich die Person des Propheten historisch nicht nachweisen lässt und die Ursprünge des Korans deshalb nichts mit der literarischen Figur Mohammeds zu tun haben. Man muss deshalb zwischen diesen beiden Bereichen in der historischen Forschung eine klare Trennlinie ziehen. Die Ursprünge des Korans haben mit Mekka und Medina nichts zu tun, sondern entstanden in einem völlig anderen Kontext.

Realgeschichtlich betritt im siebten Jahrhundert nicht der Islam die Bühne der Weltgeschichte, sondern das erste arabische Reich unter Herrscher Muawiya, der die Dynastie der Omaiyden begründete. Sie waren jedoch keine Muslime, sondern Christen. Im Gegensatz zu Mohammed ist die Existenz von Muawiya in Chroniken und auf Münzen bezeugt. Die Araber jener Zeit waren keine römischen Christen, sondern standen in der Tradition der Judenchristen, d.h., Christus war in ihren Augen nicht der Sohn Gottes.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen jener Zeit fanden deshalb auch nicht zwischen Muslimen und Christen statt, sondern zwischen den verschiedenen christlichen Reichen und deren christologischen Ausdeutungen: Die arabischen Christen bekämpften das römisch-hellenistische Byzanz. Die erste historische Kenntnis des Islam stammt von dem syrischen Autor Dionysos von Tellmahre, der 845 starb. Erst 200 Jahre nach dem angeblichen Tod Mohammeds wird der Islam zur historischen Realität.

Die arabischen Herrscher und der Islam als neue – vom Christentum unterschiedene – Religion bedurften eines Religionsstifters. Nicht Mohammed begründete den Islam, sondern er ist eine literarische Erfindung der neuen Religion. Da der „Urkoran“ in syrisch-aramäischer Sprache verfasst war und später ins Arabische übersetzt wurde, entstanden Übersetzungsfehler und viele Missverständnisse, sodass der Koran noch seiner wahren Bedeutung harrt. Die Autorin spricht deshalb von einem „missverstandenen Koran“: Der „wahre Koran“ darf erst noch entdeckt werden. Diese Erkenntnisse widersprechen natürlich eklatant der islamischen Tradition und dem Kanon der westlichen Islamwissenschaft. Sie sind jedoch nur denen fremd, die die unterdrückte Seite der Forschung nicht kennen. Mit diesen Erkenntnissen steht die wissenschaftliche Erforschung des Islam erst am Anfang: Die Grundlagen der traditionellen Islamwissenschaften sind offenbar nicht nur erschüttert, sondern zusammengebrochen.

Kommen wir auf Bruder Eulogius zurück: Er konnte natürlich noch wenig über den Propheten gewusst haben, weil dessen Mythos sich erst zu jener Zeit verbreitete.

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2012 Robert Spencer über die Ungereimtheiten der islamischen Geschichtsschreibung

27.04.2012 International Business Times:

Demzufolge war Mohammed, der angeblich 632 in Medina starb, nichts anderes als eine Fantasiefigur. Der Geschichte zufolge hat Mohammed den Koran im Nahen Osten in mehreren Feldzügen verbreitet. Dem widerspricht Spencer vehemment. Er habe seit dem Tod Mohammeds, 632, bis in die 690er Jahre nirgendwo Inschriften oder Erwähnungen über Mohammed oder den Koran gefunden. Selbst in den eroberten Gebieten sei der Koran bis 690 nie erwähnt worden.

Spencer geht davon aus, dass die arabischen Herrscher für sich selbst eine Religion erschaffen wollten, um damit ihre Herrschaft zu legitimieren.

Tatsächlich sei es so, dass die angeblich heiligen Schriften erst 60 Jahre nach dem Tod Mohammeds zusammengetragen und ab etwa 690 gelehrt wurden.

Mit seinen Vermutungen ist Robert Spencer nicht alleine. Deutsche Islamforscher unter der Leitung des Theologen Prof. Dr. Karl-Heinz Ohlig stellten fest, dass Mohammed im ursprünglichen Gebrauch gar kein Eigenname sondern eine Verbform war. Der Islam könnte sich aus einer christlichen Häresie (z.B. Ablehnung des dreifaltigen Gottes) entwickelt haben.

Ein anderer schrieb unter dem Pseudonym “Christoph Luxenberg” ein Buch in dem er beschrieb, dass es auffallend sei, dass es aus den ersten beiden Jahrhunderten des Islam kaum Originalquellen gebe, obwohl es damals im arabischen Raum eine rege Publikationstätigkeit in mehreren Sprachen gab.

Der niederländische Islamwissenschaftler Prof.Dr. Hans Jansen haut in die gleiche Kerbe, wenn er in den erhaltenen Lebensbeschreibungen Mohammeds keine wirklich historischen Texte sieht, sondern diese als “religiöse Erbauungsliteratur” einstuft. Leben und Werk Mohammeds seien nur fromme Erfindungen.

Interview mit Robert Spencer: Hat Mohammed wirklich existiert?

EuropeNews 28 April 2012
Original: Did Mohammed exist?, FrontPage Magazine
Interview von Jamie Glazov mit Robert Spencer
Übersetzung von Liz / EuropeNews

Unser heutiger Gast im FrontPage Interview ist Robert Spencer. Er ist ein Gelehrter für islamische Geschichte, Theologie und Recht und er ist Direktor von Jihad Watch. Er hat zehn Bücher geschrieben, elf Monographien und Hunderte Artikel über den Djihad und islamischen Terrorismus, einschließlich des New York Times Bestsellers The Politically Incorrect Guide to Islam (and the Crusades) and The Truth About Muhammad Sein letztes Buch heißt Did Muhammad Exist? An Inquiry Into Islam’s Obscure Origins und das ist auch das Thema unseres heutigen Interviews.


FrontPage Magazine:
Robert Spencer, Willkommen hier bei FrontPage zu unserem Interview.

Spencer: Danke Jamie.

FP: Warum haben Sie dieses Buch geschrieben? Dies ist keine der Fragen, über die sich viele Menschen Gedanken gemacht haben.

Spencer: Das stimmt Jamie. Über die Frage ob Mohammed existiert hat, haben sich nur wenige Menschen Gedanken gemacht und nachgefragt, beziehungsweise es gewagt danach zu fragen. Die meiste Zeit der vierzehnhundert Jahre seitdem man dachte, dass der Prophet auf der Erde gewesen sei, hat jeder es sicher vorausgesetzt, dass er wirklich existiert hat.

FP: Natürlich. Denn letztendlich ist seine Prägung der Menschheitsgeschichte enorm gewesen. Die Encyclopedia Britannica titulierte ihn als “den erfolgreichsten aller Propheten und religiösen Persönlichkeiten”. In seinem Buch The 100: A Ranking of the Most Influential Persons in History aus dem Jahr 1978, setzte Michael H. Hart Mohammed auf den Spitzenplatz. Wie kann man also sagen, dass dieser Mensch niemals existiert hat und warum ist das so wichtig?

Spencer: Es gibt in der Tat Gründe zur Annahme die historische Existenz Mohammeds zu hinterfragen. Obwohl die Geschichte Mohammeds, des Korans und des frühen Islams weithin anerkannt ist, ergeben genauere Untersuchungen der Geschichte Unglaubliches. Je näher man sich die Ursprünge des Islams betrachtet, desto weniger erkennt man sie. In Did Mohammed exist? Gehe ich den Fragen nach, die eine kleine Gruppe von Pionieren über die historische Authentizität der Standardbeschreibung von Mohammeds Leben und Prophetenkarriere gestellt hat. Eine gründliche Bearbeitung der historischen Aufzeichnungen bieten aufregende Anzeichen, dass vieles, wenn nicht sogar alles was wir über Mohammed wissen, eine Legende und keine historische Tatsache ist. Eine sorgfältige Untersuchung enthüllte ebenso, dass der Koran keine Sammlung dessen ist, was Mohammed als Offenbarungen von dem einen wahren Gott bezeichnet hat, sondern eine Konstruktion aus bestehendem Material ist, hauptsächlich aus jüdischen und christlichen Überlieferungen.

Das ist wichtig, denn meine Forschungen deuten, wie das Buch aufzeigt, auf die Möglichkeit hin, dass der Islam vor allem als ein politische System konstruiert wurde und nur in zweiter Linie als Religion – ein Punkt der wesentliche Bedeutung heute hat auf Grund der Kontroverse über eine Anti-Scharia Gesetzgebung und wie man das Eindringen des politischen Islams in den Westen bewerten soll.

FP: Faszinierend. Wie sehen also einige jener Anzeichen aus, dass Mohammed nicht existiert haben könnte?

Spencer: Nun, vor allem ist es die klaffende Diskrepanz zwischen der Zeit zu der Mohammed angeblich gelebt hat und der Veröffentlichung des ersten bibliographischen Materials über ihn: mehr als 125 Jahre. Stellen Sie sich vor, das erste Lebenszeichen des Bürgerkriegsgenerals Sherman, der im Jahr 1891 starb, würde erst heute veröffentlicht werden und dies in einer Kultur, in der alles mündlich übertragen wurde, in der schriftliche Niederlegungen selten waren.

Es wäre nur normal anzunehmen, dass das Material in der neuen Biographie zumindest eine Mischung aus Geschichte und Legende wäre. Im Falle Mohammeds ist es bekannt und wird sogar von muslimischen Gelehrten anerkannt, dass die Überlieferungen von Mohammeds Worten und Taten in großem Stil im achten und neunten Jahrhundert von Krieg führenden Splittergruppen unter den Muslimen gefälscht wurden, um ihre eigenen Praktiken zu rechtfertigen.

Die Methode mit der die muslimischen Gelehrten traditionell jene Überlieferungen aussortierten, die angeblich authentisch waren und von jenen trennten, die es nicht waren, geschah durch eine genaue Untersuchung der Übertragungskette – d.h. die Liste der Menschen von denen man annahm, dass sie die Überlieferungen originalgetreu weitergegeben hatten, bis zum heutigen Tag. Aber natürlich kann eine solche Liste auch genauso leicht angefertigt worden sein wie dies bei einer Überlieferung der Fall sein kann. Im übrigen, sechzig Jahre lang nach dem Beginn der arabischen Eroberungen, die um 630 begannen, gibt es ebenfalls keine Anzeichen in den noch vorhandenen Aufzeichnungen der eroberten Völker oder deren Eroberer selbst, dass eine neue Religion, ein neues heiliges Buch, oder ein neuer Prophet entstanden waren.

Bis in die 960er Jahre hinein bezogen sich die eroberten Völker, wenn sie von ihren Eroberern sprachen, auf die Hagarianer, Sarazenen, Taiyaya oder auf andere Namen, aber niemals nannten sie sie “Muslime”, und sie gaben auch keine Hinweise, auch nicht auf religiös-polemische Art, dass sie mit einer neuen Religion einher kamen. Auch haben sich die arabischen Eroberer selbst auf ihren Münzen, Bauten oder wo auch immer niemals auf den Islam oder den Koran bezogen.

FP: Das ist ja interessant. Aber warum sollte man überhaupt eine solche Untersuchung beginnen? Religiöser Glaube, jeder religiöse Glaube ist etwas, das die Menschen sehr tief festhält. Die Muslime werden genau diese Idee, historische Prüfungen auf die traditionelle Darstellung der Ursprünge des Islams anzuwenden, als Affront betrachten, oder nicht?

Spencer: Ja Jamie, das werden sie tun. Aber die Fragen in diesem Buch dienen nicht dazu Muslime anzugreifen. Der Islam ist ein Glaube, der in der Geschichte verwurzelt ist. Er stellt historische Ansprüche. Mohammed soll zu einer bestimmten Zeit gelebt und gewisse Doktrinen gepredigt haben, von denen man sagt, dass Gott sie ihm offenbart habe. Der Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen ist zu einem gewissen Grad historischen Analysen offen.

Ob Mohammed tatsächlich Botschaften vom Engel Gabriel erhalten hat mag eine Frage des Glaubens sein, aber ob er überhaupt gelebt hat ist eine historische [Frage]. Der Islam ist nicht einzigartig beim Abstecken seiner Ansprüche als historischer Glaube oder indem er zu einer Untersuchung einlädt. Aber es ist einzigartig, dass er keine historische Kritik auf keiner signifikanten Ebene herausgefordert hat. Sowohl das Juden- als auch das Christentum sind weithin zu Objekten wissenschaftlicher Untersuchungen geworden, mehr als zwei Jahrhunderte lang. Warum sollte der Islam von solchen Untersuchungen ausgenommen werden? Und ist es in unserer politisch korrekten Zeit immer noch möglich solche Fragen aufzuwerfen?

Die Gelehrten, die die Ursprünge des Islams untersuchen, werden nicht durch Hass, Heuchelei oder Rassismus motiviert, sondern durch das Bedürfnis die Wahrheit zu entdecken. Es sind die Gelehrten, die die Grundlagen für die Untersuchungen in meinem Buch gelegt haben. Niemand sollte die Wahrheit fürchten und jeder sollte den Willen haben dorthin zu gehen, wo ihn sein Weg hinführt.

FP: Robert Spencer, nochmals vielen Dank, dass Sie zu uns gekommen sind.

Video: Robert Spencer im Frontpage Magazine (engl.)

Video II Robert Spencer bei Stakelbeck on Terror (engl.)

CBN Video: Was der Westen wissen muss

 

LINKS:

Bücher von Robert Spencer

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Britischer Film: Islam- The Untold Story

 

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Der Sohn eines ägyptischen Imam, Hamad Abdel-Samad sagt: “Der Islam wird als Kultur untergehen”

09.09.2010 Welt:

“Der Islam wird als Kultur untergehen”

Hamad Abdel-Samad wurde 1972 als drittes von fünf Kindern in der Nähe von Kairo geboren. Sein Vater ist ein sunnitischer Imam. Im Alter von vier Jahren wurde Abdel-Samad von einem 15-Jährigen vergewaltigt. Als er elf Jahre alt war, wurde er noch einmal missbraucht, diesmal von einer Gruppe Jugendlicher. 1995 kam er im Alter von 23 Jahren als latenter Antisemit und Westen-Skeptiker nach Deutschland.

Während seines Politik-Studiums in Augsburg setzte ein Wandlungsprozess ein. Seine Metamorphose vom Westen-Hasser zum liberalen Islamreformer sowie seine problematische Kindheit verarbeitete Abdel-Samad in seinem autobiografischen Buch “Mein Abschied vom Himmel” (2009), der ihm ein religiöses Rechtsgutachten (Fatwa) in seiner Heimat einbrachte und ihm Polzeischutz bescherte.

Er arbeitete für die Unesco, am Lehrstuhl für Islamwissenschaft in Erfurt und am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität in München. Sein zweites Buch “Der Untergang der islamischen Welt” kommt in die deutschen Buchläden (Droemer, 240 Seiten, 18 Euro). Abdel-Samad ist verheiratet mit Connie, deren Mutter Japanerin und deren Vater Däne ist. Das Ehepaar lebt in München.

Hamed Abdel-Samad spricht leise, bedächtig. Der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler ist kein lauter Aufklärer, kein Krawallmacher. Er ist mehr Philosoph, denkt die Dinge vom Ende her und kommt zu einer vernichtenden Bilanz über die Welt, der er selbst entstammt:

Der Islam wird als politische und gesellschaftliche Idee, er wird als Kultur untergehen. Die islamische Welt habe ihr kulturelles und zivilisatorisches Konto überzogen und lebe sträflich über ihre Verhältnisse. Mit seiner schonungslosen Analyse hat er viele neue Freunde gewonnen – aber noch mehr alte verloren.

Der 38-jährige, der als einer der profiliertesten islamischen Intellektuellen im deutschsprachigen Raum gilt, wurde von Bundesinnenminister Thomas de Maiziere in die Deutsche Islam Konferenz berufen.

WELT ONLINE: Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, Sie seien konvertiert vom Glauben zum Wissen. Sind Sie nun also wissend, aber ungläubig?

Hamed Abdel-Samad: Nein. Für mich ist der persönliche Glaube eine Sache, über die man nicht sprechen sollte. Eigentlich passt der Glaube in keine Kategorie. Ich bin von einem Glauben konvertiert, wie ihn die meisten Muslime heute interpretieren: Als ein geschlossenes Gebäude, als absolute Wahrheit. Glauben bedeutet für mich aber, immer auf der Suche zu sein.

WELT ONLINE: Das heißt also, jedes Individuum macht mit sich selbst seinen Glauben ab und bekommt es nicht “serviert” von selbst ernannten Autoritäten?

Abdel-Samad: Richtig. Keine vorgefertigten Antworten, keine vorgefertigten Wahrheiten. Ich bin vom Glauben zum Wissen konvertiert, indem ich versuche, mehr über meine Religion, Geschichte und Sprache zu erfahren und mich kritisch damit auseinanderzusetzen. Das ist das, was der Islam im Moment aus meiner Sicht dringend braucht.

WELT ONLINE: Meinen Sie das, wenn Sie in Ihrem Buch fordern, der Islam solle sich einer Inventur unterziehen?

Abdel-Samad: Ja, richtig.

WELT ONLINE: Und wie kann eine solche Inventur des Islam aussehen?

Abdel-Samad: Inventur, oder besser: geregelte Insolvenz, bedeutet, dass die islamische Welt sich von dem schweren Koffer trennen muss, der ihre Reise in die Zukunft behindert.

In dem Koffer liegt zum Beispiel die Unantastbarkeit der Religion. Es liegt darin ein absolutistisches Gottesbild, das zur Schablone für die Diktaturen geworden ist. In diesem Koffer lasten falsche Vor- und Feindbilder sowie ein unzeitgemäßes Gesellschaftsbild mit einer absurden Vorstellung vom Verhältnis zwischen Mann und Frau. Dadurch stagniert das Denken.

Für alle Miseren und Probleme muss der Westen als Sündenbock herhalten. Dadurch entsteht keinerlei positive Dynamik, die für eine Veränderung notwendig ist.

WELT ONLINE: Was also braucht der Islam: eine Renaissance oder eine Aufklärung?

Abdel-Samad: Ich benutze den Ausdruck geistige Revolution oder geistige Erneuerung, einen Moment der Ehrlichkeit mit sich selbst.

WELT ONLINE: Ist der Islam denn grundsätzlich wandlungsunfähig?

Abdel-Samad: Ich spreche den Menschen diese Fähigkeit nicht ab, und es geht mir in allererster Linie um die Menschen. Wenn ich daran nicht glauben würde, hätte ich das Buch nicht geschrieben.

WELT ONLINE: Sie haben als einer der ganz wenigen Muslime mit Fleming Rose gesprochen, jenem Feuilleton-Redakteur der dänischen Zeitung “Jyllands-Posten”, der die umstrittenen Mohammed-Karikaturen in Auftrag gegeben hat. Hat er Sie überzeugt, hat er recht?

Abdel-Samad: Es geht mir nie darum, ob Fleming Rose recht hat oder Thilo Sarrazin oder sonst wer. Es geht darum, dass sie alle das Recht haben, dies zu äußern oder jenes zu tun. Das müssen wir als Muslime akzeptieren. Wir müssen mit unseren Emotionen anders umgehen, unverkrampfter.

Herr Sarrazin hat uns ja nicht mit Steinen beworfen, sondern mit Worten. Er hat eine Meinung geäußert, Thesen aufgestellt. Und wir können mit Worten antworten. Nicht mit Sanktionen, Entlassungen oder Morddrohungen.

Eine Demokratie muss so etwas aushalten können. Und gerade mit Menschen, mit denen man nicht einer Meinung ist, sollte man reden.

WELT ONLINE: Warum ist die arabisch-islamische Welt Wort-unfähig, warum ist sie nicht in der Lage, sich argumentativ mit Problemen auseinanderzusetzen? Die Reaktionen der Muslime auf Kritik oder Häme sind zumeist gewalttätig, sie machen Angst.

Abdel-Samad: Es ist ein Symptom für eine untergehende Hochkultur. Die islamische Welt kann sich nicht damit abfinden, dass sie keine führende Rolle in der Welt mehr spielt. Sie ist gekränkt, besteht aber noch immer auf ihrem kulturellen Beitrag …

WELT ONLINE: … den es ja durchaus gegeben hat …

Abdel-Samad: … dafür können wir uns heute zwar leider keinen Döner mehr kaufen, aber ja, es hat diese Blütezeit des Islam gegeben. Noch heute leitete man daraus eine moralische Überlegenheit gegenüber dem Westen, eigentlich gegenüber dem Rest der Welt ab. Aber diesem Anspruch fehlt es an Substanz. Es gibt keine Argumente, die dafür sprächen, dass der Islam heute in der Welt mitreden könnte.

Weder wissenschaftlich noch kulturell sehen wir irgendwelche Beiträge aus der islamischen Welt, die der Menschheit zugutekämen. Das führt zu einer Art Schizophrenie: Auf der einen Seite Minderwertigkeitskomplexe gegenüber der westlichen Welt, auf der anderen Allmachtsvisionen.

Auf der einen Seite ein Mangel an Handlungsoptionen, auf der anderen der Drang, etwas tun zu müssen. Daraus resultiert Isolation, die wiederum zu Gewalt und Terror einer Minderheit führt, die leider im Moment den Ton angibt.

WELT ONLINE: Sie sprechen auch davon, dass Israel den Arabern ständig den Spiegel vorhält und ihnen vor Augen führt, in welch umfassender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Stagnation sie verharren. Ist das auch ein Grund für den Hass auf die Juden?

Abdel-Samad: Ja. Israel ist ein Beispiel dafür, dass es auch im Nahen Osten eine florierende Wirtschaft, gepaart mit einer demokratischen Grundordnung, geben kann. Es liegt also nicht an der Region, sondern an der Geisteshaltung. Aus dem Zionismus ging ein demokratischer Staat hervor, der trotz aller militärischen Auseinandersetzungen demokratisch geblieben ist.

Die gleichen Kriege galten den arabischen Herrschern jedoch als Rechtfertigung dafür, Kriegsrecht zum Dauerzustand zu machen und Demokratie nicht zuzulassen.

Die arabisch-islamische Welt hat den Zug der Moderne verpasst, und ihr bleibt nichts anderes übrig, als auf dem Gleis zu stehen und auf den Lokführer zu fluchen – und das ist der Westen.

WELT ONLINE: Sie sagen, der Islam als Kultur ist dem Untergang geweiht. Gibt es Rettung oder auch nur einen Hoffnungsschimmer zum Beispiel in Indonesien, der Türkei oder in den Golfstaaten? Wer ist der Fahnenträger einer positiven Entwicklung?

Abdel-Samad: Einen Fahnenträger gibt es nicht, es gibt nur Karnevalisten. Die Türkei zeigte eine erfreuliche Entwicklung, die Früchte der Säkularisierung. Doch jetzt sehen wir die Zurücknahme vieler dieser Prozesse. Das Gleiche gilt für Malaysia und Indonesien, die vorbildliche Schritte gegangen sind. Aber ihr Einfluss auf die insgesamt 57 islamisch geprägten Staaten der Erde ist gering.

Im Gegenteil ist der theologische Einfluss Saudi-Arabiens oder Ägyptens auf solche sogenannten Reformstaaten wieder gewachsen. In diesen großen, einflussreichen Ländern aber wurden die Hausaufgaben nicht gemacht. Alles, was in Jahrzehnten unter den Teppich gekehrt wurde, kommt nun zum Vorschein. Das Haus ist kaum noch bewohnbar, weil es stinkt.

Es gibt sehr viel, was man vor 100 Jahren hätte tun müssen, um heute einigermaßen auf der Höhe der Welt sein zu können. Stattdessen geht es stärker in Richtung Re-Islamisierung als hin zu Öffnung und Demokratisierung.

Der Untergang der islamischen Welt ist logische Konsequenz einer seit vielen Jahrzehnten verfehlten Identitäts- und Bildungspolitik sowie einer asymmetrischen Beziehung zum Westen, die auf Paranoia und Ressentiments basiert.

WELT ONLINE: Was meinen Sie mit asymmetrischer Beziehung?

Abdel-Samad: Es kommt nicht mehr zu einer gegenseitigen Befruchtung, die islamische Welt hat aufgehört, vom Wissen anderer zu profitieren. Im Mittelalter war die islamische Kultur führend, weil sie kooperativer und integrationsfähiger war für das Wissen anderer. Die Werke der alten Griechen wurden übersetzt und weiterentwickelt. Man war offen und neugierig, hat mit Persern, Juden und Christen zusammengearbeitet und eine Kultur geschaffen.

Jetzt herrschen Verkrampftheit, Skepsis, ja Schadenfreude, wenn das Wissen scheitert, etwa wenn ein berühmter westlicher Genforscher an Krebs stirbt oder ein Spaceshuttle abstürzt. Viele Muslime sitzen da und ernähren sich von Ressentiments, Gekränktsein und Kränkung. Das ist keine gesunde Nahrung.

WELT ONLINE: Steuern wir also unvermeidlich auf einen Zusammenprall der Zivilisationen zu, wie Samuel Huntington es prognostizierte?

Abdel-Samad: Der ist längst da, nicht nur zwischen Westen und islamischer Welt, sondern auch innerhalb der islamischen Staaten – zwischen dem Geist der Öffnung und dem Konformitätsdruck, zwischen Innovation und Kontinuität. Es gibt viele junge Muslime, die die alten Strukturen verlassen und nach neuen Antworten suchen.

Aber sie finden keine demokratische Infrastruktur, keine Zivilgesellschaft vor, in die sie ihre Energien leiten könnten. Deshalb münden diese Energien in Chaos und Gewalt. Davon ernährt sich der Fundamentalismus.

WELT ONLINE: Können die muslimischen Intellektuellen im Ausland eine Rolle bei der Erneuerung der islamischen Welt spielen?

Abdel-Samad: Ja, so wie die russischen Dissidenten zur Zeit der Sowjetunion, Solschenizyn etwa oder Sacharow. Sie verließen ihre Systeme, machten deren Verbrechen öffentlich und – das ist entscheidend – veröffentlichten auch in ihrer Muttersprache. Ihre Werke wurden dort gelesen, wo sie Veränderung erzeugen sollten.

Das machen muslimische Exilanten aber nicht, sie bekommen Applaus in ihren Gastländern, aber in den islamischen Ländern kennt sie kaum jemand. Sie gleichen vielen kleinen Rinnsalen, die nie zu einem Fluss werden, den man Aufklärung nennen könnte. Daraus wird keine Bewegung entstehen, keine Dynamik der Veränderung.

Die Muslime, die hier in Europa leben, haben die große Chance, sich abzunabeln, eine neue Theologie zu entwickeln, die frei von Herrschaft und Autoritätshörigkeit ist. Stattdessen frieren sie das ein, was sie aus ihrer Heimat importiert haben, und nennen es Identität.

WELT ONLINE: Sie sprechen eine deutliche Sprache, vielen geht das zu weit.

Abdel-Samad: Ja, ich spreche eine deutliche Sprache. Wenn ich sage, dass es im Islam vielleicht einen Geburtsfehler gibt, dann distanzieren sich die Menschen von mir, auch säkulare Intellektuelle. Sie wollen das nicht hören.

WELT ONLINE: Haben Sie das schon einmal gesagt?

Abdel-Samad: Ja. Und ich habe böse Reaktionen erhalten. Ich sage auch, wir brauchen einen postkoranischen Diskurs, wir müssen nicht alles aus dem Koran ableiten. Wir müssen das hinter uns lassen, wir müssen neue Antworten suchen durch Verhandeln, nicht durch göttliche Botschaft. Die spirituelle Seite des Korans ist für alle Zeiten gültig.

Die juristisch-politische Seite aber ist entstanden, um die Angelegenheiten einer vormodernen Gemeinde im 7..Jahrhundert in der Stadt Medina zu regeln, und hat im 21..Jahrhundert nichts zu suchen. Viele sogenannte Reformer flirten mit der Moderne, sie wollen Sex mit ihr haben, aber nicht schwanger werden. Das ist verlogen. Man muss konsequenter werden und klarer sprechen. Uns fehlt die Zeit.

Wir steuern auf eine Katastrophe zu: Schwindende Ressourcen, ein Millionenheer von Ungebildeten in Perspektivlosigkeit, Wasserknappheit – wo bitte soll das hinführen? Wenn die islamische Welt zusammenbricht, werden wir die größte Völkerwanderung aller Zeiten in Richtung Europa erleben. Das ist keine Angstmacherei, das ist übermorgen.

WELT ONLINE: Ihre schärfsten Gegner bezeichnen Sie als Häretiker und wollen Sie zum Schweigen bringen.

Abdel-Samad: Ich bin ein Häretiker im positiven Sinne. Wir brauchen mehr von den Menschen, die den Islam und den Koran privatisieren. Es wird eine Reform in der islamischen Welt erst dann geben, wenn muslimische Häretiker unbehelligt auf der Straße laufen können. In zwei Wochen erscheint mein Buch auch auf Arabisch, und zwar in meiner Heimat Ägypten. Mitte Oktober werde ich selbst nach Ägypten reisen und öffentlich Stellung beziehen.

WELT ONLINE: Das ist doch lebensgefährlich, haben Sie keine Angst?

Abdel-Samad: Ich werde fahren, sonst macht das alles überhaupt keinen Sinn. Wenn man solche Thesen präsentiert, muss man auch bereit sein für die Diskussion danach. Nur so entsteht Dynamik, ein Buch allein kann das nicht leisten.

Ich bekomme viele Mails von jungen Menschen, die meine Thesen mit mir diskutieren. Nur dadurch entsteht Diskurs, hart in der Sache, aber mit Respekt im Dialog. Ich sage klar und hart, was ich meine, aber ich nehme den Menschen, die ich kritisiere, nicht ihre Würde.

WELT ONLINE: Haben Sie Hoffnung?

Abdel-Samad: Sehen Sie, wenn ein Wald brennt, wachsen an der vom Feuer zerstörten Stelle wieder Bäume. Wenn der Wald so unübersichtlich, verkommen und heruntergewirtschaftet ist, vielleicht ist es dann keine schlechte Entwicklung, wenn er brennt. Ich sage: Lasst es brennen – und lasst uns neu anfangen.

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Koranverbot

Spanien: Kommission prüft Koranverbot

Niederlande: Geert Wilders fordert ein Koran-Verbot

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